Die Jahrbuchreihe ist Organ des 1990 gegründeten
Internationalen Instituts für Kulturvergleichende Therapieforschung (IIKTE. e V) und seines wissenschaftlichen Beirates. Schwerpunkt dieser Reihe sind Beiträge zur Erforschung funktionaler und für das Gesundheitswesen praxisrelevanter Aspekte ethnischer und alternativen Medizinformen.
Ihr Studium gewinnt auch im Rahmen einer Reform der Gesundheitssysteme in Industrieländern zunehmend an Relevanz. Sie können im Einzelfall nicht nur kostengünstige Alternativen bereitstellen, sondern entsprechen vielfach modernsten Erkenntnissen eines medizinischen Paradigmas, das psychosoziale und psychosomatische Wirkfaktoren stärker zur Geltung kommen läßt.
In Band 6 Sakrale Heilpflanzen, Bewußtsein und Heilung des Jahrbuch für Transkulturelle Medizin und Psychotherapie wird der weltweite therapeutische Gebrauch der meist als psychedelisch oder halluzinogen bezeichneten Wirkungen sakraler Heilpflanzen thematisiert. Diese Substanzen und ihre Wirkungen auf das menschliche Bewußtsein und das emotionale Erleben haben in Vergangenheit und Gegenwart zu starken sozialen Reaktionen geführt. Obgleich ihr weltweiter und über mehrere Jahrtausende belegbarer Gebrauch zu medizinischen, religiösen und spirituellen Zwecken unumstritten ist und sie in jüngster Vergangenheit einen tiefgreifenden Bewußtseins- und Wertewandel angeregt haben, führte eine prohibitive Politik dazu, die weitere Erforschung ihrer Einsatzmöglichkeiten zu therapeutischen Zwecken weitgehend zu unterbinden. Trotz dieser Einschränkungen hat sich aufgrund ihrer heilsamen, bewußtseins- und gemeinschaftsfördernden Wirkungen der Gebrauch fortgesetzt. Da gegenwärtig jedoch aufgrund der Restriktionspolitik keine hinsichtlich historischer, botanischer, medizinischer und psychosozialer Kenntnisse und systematischer Selbsterfahrung qualifizierten Therapeuten und Gruppenleiter ausgebildet werden konnten, führte der private Gebrauch gelegentlich zu sozialen und persönlichen Problemen. Sozialer Friede, persönliches und spirituelles Wachstum, Kreativität und künstlerisches Schaffen sind dagegen Merkmale von Gesellschaften, in denen die heiligen Pflanzen nicht geächtet, sondern rituell integriert sind.
Die Beiträge dieses Bandes wie auch die Mehrzahl neuerer Publikationen wenden sich gegen Ignoranz und unsachliche Restriktionen im Umgang mit den sakralen Heilpflanzen, indem sie dem Leser eine Synthese des dazu verfügbaren Wissens bieten. Klinische, psychobiologische und ethnographische Daten geben Aufschluß über gesundheitsfördernde Wirkmechanismen und warum historisch immer wieder politische Interventionen erfolgten.
Wir begrüßen ausdrücklich die in jüngster Zeit entstehende Tendenz staatlicher Stellen zu vorurteilsfreier Liberalisierung, was die wissenschaftliche Untersuchung und Anwendung der sakralen Heilpflanzen betrifft. Sie wird es ermöglichen, die Interaktion religiöser Erfahrungen, sozialer und medizinisch-therapeutischer Effekte besser zu verstehen und insbesondere für die Menschen der Industrienationen wieder nutzbar zu machen.
Das konstruktive Potential des Gebrauchs der sakralen Heilpflanzen geht aus den Beiträgen dieses Bandes zweifelsfrei hervor und die Herausgeber danken den Autoren, ihre Kenntnisse für dieses Ziel einer Synthese eingesetzt zu haben.
Walter Andritzky
Düsseldorf, Dezember 1995