Ein Heimatfilm? Aber sicher doch! Auch das ist "Jagdszenen aus Niederbayern". Aber einer, der nicht die heile Welt abbildet, sondern die harte Realität einer rückständigen Gesellschaft. Und der beweist, das der Mensch des Menschen Wolf sein kann.
Ganz ohne Gelder vom Fernsehen und ohne Verleihgarantie verfilmten Regisseur Peter Fleischmann und Produzent Rob Houwer das gleichnamige Theaterstück von Martin Speer, der hier auf die Hauptrolle des Mechanikers Abram spielt. Zuerst nur ein Gerücht, dann immer mehr zur Gewissheit werdend, wird den Bewohnern seines bayerischen Heimatdorfes klar, dass Abram wegen "Unzucht mit Männern" im Knast saß (schließlich galt der unselige § 175 noch bis 1969, den Produktionsjahr des Films).
Wie sich die Dorfgemeinschaft langsam gegen den sonst so beliebten jungen Mann wendet, wie amoralisch sich die angeblich so moralischen Bürger des Dorfes gegen einen Außenseiter wenden, das schildert der Film in beängstigenden Bildern. Bilder, die auch deswegen so echt wirken, weil sie an Ort und Stelle mit Laiendarstellern entstanden, die neben professionellen Schauspielern auftreten (darunter die noch zu Beginn ihrer Karriere stehenden Hanna Schygulla und Angela Winkler).
Der Film führte zu heftigsten Reaktionen, wurde zum Skandal. All das dokumentiert die hervorragend editierte DVD von "Kino Kontrovers" anhand sehr spannender, erhellender Extras, wie verschiedenen Interviews, einer zeitgenössischen Dokumentation über die Kinopremiere in Landshut 1969 sowie einigen wiedergegebenen Leserbriefen in einer Landshuter Zeitung, die zeigen, dass der Ungeist, den der Film angreift, durchaus lebendig war.
Eine grandiose DVD-Veröffentlichung und eine der spannendsten Wiederentdeckungen seit langem.
Ein erschütternder Film, den wohl auch heute noch einigen hassen, andere aber lieben werden. "Kino Kontrovers" eben.