Timothy Zahn, dessen Werke sonst überwiegend in der neudeutsch als "Military SF" bezeichneten Gattung angesiedelt sind - man denke etwa an die
Blackcollar-Romane - versucht mit der "Jagd auf Ikarus" zur Abwechslung einen SF-Roman mit kriminalistischem Einschlag: Und, wie ich vorab sagen darf, recht erfolgreich.
Jordan McKell ist ein abgehalfterter Schmugglerkapitän, der sich zusammen mit seinem Partner Ixitl, einem Kalixiri, aus wirtschaftlicher Not in die fürsorgliche Obhut einer intergalaktischen Verbrecherbande begeben hat. Auf dem Planeten Meima tritt ein Mann namens Alexander Borodin an ihn heran, der ihn bittet, das Schiff Ikarus mit einer zusammengewürfelten Mannschaft zur Erde zu fliegen. Obwohl er weiß, dass sein "Vorgesetzter" innerhalb der Organisation, Johnston Scotto Ryland, nicht begeistert sein wird, nimmt McKell den Auftrag an. Kurz nach dem Start häufen sich ominöse Ereignisse. Ein tödlicher Unfall passiert, der vielleicht ein Mord sein könnte; Sabotage deutet auf einen blinden Passagier hin; und obendrein werden Kapitän und Mannschaft an jedem Zwischenstopp mit erheblichen Schwierigkeiten konfrontiert: anscheinend möchten eine oder mehrere verschiedene Interessengruppen politischer und/oder wirtschaftlicher Natur um jeden Preis verhindern, dass die Ikarus ihr Ziel erreicht.
Der Roman beginnt etwas ungelenk; der Autor versucht sich in einem pseudoironischen, um Witzigkeit bemühten Stil, der eben alles andere als witzig ist. Doch zum Glück habe ich mich davon nicht abschrecken lassen. Ab dem zweiten Kapitel ist davon bis auf ein paar vereinzelte Ausreißer keine Spur mehr. Von Kapitel zu Kapitel steigert sich die Spannung, die unter anderem durch folgenden Kunstgriff erzielt wird: Timothy Zahn schreibt aus Sicht seines Protagonisten in Ich-Form... lässt den Leser aber bei weitem nicht an allen Gedankengängen des Helden teilhaben. So kommt es, dass von dem Moment, wo McKell die Hintergründe durchschaut, bis zur Aufklärung für den Leser (in schöner Agatha-Christie-Tradition) weit über 100 Seiten vergehen. Normalerweise mag ich es nicht, auf diese Weise an der Nase herumgeführt zu werden; doch in diesem Fall bin ich geneigt, es zu verzeihen.
Zwischendurch gibt es leider auch einige Längen, unter anderem sind die fruchtlosen Diskussionen zwischen McKell und Ixitl zu einem frühen Stadium der rätselhaften Ereignisse zu breit ausgewalzt. Absicht war hier wohl, zusätzlich Verwirrung zu stiften; was nur teilweise gelingt. Versierte Leser werden einige Aufgaben schnell selbst gelöst haben, z.B. die Identität des blinden Passagiers. Dafür gibt es einige durchaus unerwartete Wendungen: Obwohl mit der Inhaltsangabe auf Seite 2 eigentlich zu viel verraten wird, kann Zahn die Leser doch immer wieder überraschen. An ein paar Stellen werden übertrieben flapsige Ausdrücke gebraucht, was möglicherweise auf den Übersetzer zurückzuführen ist. Die Beschreibung des Raumschiffs, innen wie außen, strapaziert die Vorstellungskraft - das ist aber zu verschmerzen. Als eher komödiantischen Fauxpas empfand ich die Stelle, an der sich McKell "abstoßen" muss, um eine fünfzig Zentimeter entfernte Metallstrebe zu erreichen... aber nahe an ein Plagiat grenzen die beiden Frettchen-Symbionten von Ixitl, die dann auch noch Pix und Pax heißen! Woran erinnert mich das bloß?
Alles in allem ein gut gelungener Einzelroman, von denen es leider im heutigen Zeitalter der vier-und-mehr-teiligen Trilogien und Endloszyklen nicht mehr allzu viele gibt. Eigentlich erstaunlich, dass das immerhin bereits 1999 entstandene Werk erst jetzt, 11 Jahre später, auf Deutsch erscheint.