Nach gutem Brauch das Gute zuerst: Löblich, daß dieses Buch keinerlei literarischen Anspruch erhebt, den es nicht erfüllt, und daß die Geschwister Hilary und Piers ihr Machwerk nicht als Biographie verstanden wissen wollen, wenn sich diese Einleitung auch liest, als hätte eine juristische Verfügung sie veranlaßt.
So plätschern denn die "Erinnerungen" vor sich hin, Hilary und ihr Instrument stehen im Vordergrund. Jacqueline ist zunächst recht verborgen und taucht nur sporadisch auf.
Vielleicht hat die Übersetzung Schwächen, doch ein Satz wie "es war das Erfreulichste, was mir je widerfahren ist", mit dem Hilary die Geburt ihres ersten Kindes beschreibt, ist noch kühler als britisch unterkühlt und hinterläßt einen faden Eindruck von einer faden Frau. So lapidar geht die Aufzählung weiter, ohne daß etwa das Musikalische näher erörtert würde oder menschliche Konflikte (die gibt es immer unter Geschwistern - und unter Musikern, noch dazu Solisten, sowieso); sie werden genauso spärlich angesprochen wie der Neid, der mit Sicherheit an der farblosen Hilary nagte. Bis ...
Es kommt: "da war es wieder: das vertraute, lebenslange Muster, nach dem ich mich um Jackie zu kümmern hatte. Und ich funktionierte reibungslos wie eh und je."
Aha. Ab da wird vom Leder gezogen.
Hilary, das selbstlose, grundgute Aschenputtel, nimmt ihre Pose als bodenständige Landpomeranze wieder ein und verleiht aus Großmut sogar ihren Ehemann an Jackie, weil diese es angeblich fordert (und der betreut und therapiert seine Schwägerin opferbereit). Jacqueline dagegen ist exaltiert, selbstsüchtig und immer noch bevorzugt, selbst als sie nur noch ein Wrack ist. Nicht einmal Multiple Sklerose hat Jackie in die Schranken verwiesen: Personal, Therapeuten, illustre Gäste geben sich in Jackies Wohnung die Klinke in die Hand! Wie gut die das immer noch hat! Kontrapunktisch erwähnt die bescheidene Hilary ihre Fettstiefel und den ausgebeulten Pullover, in denen sie neben Margot Fonteyn bei Jackie erscheint, und wundert sich, warum kein Glanz auf sie abfällt, mehr noch: man sie meidet.
Daß Daniel Barenboim nur das tat und nicht im Rechtsstreit liegt mit den Geschwistern, spricht für dessen Größe.
Noch eins: Was MS mit den Menschen anrichtet, erfahre ich am eigenen Leib. Zwar ist sie bei jedem anders, aber Hilarys und Piers' Erinnerungen wie Auslegungen scheinen mir auch hier ad libitum plump zurechtgebogen.