Zuallererst: Ken Bruen ist ein echt cooler Sack! - Darf man das bei Amazon hier so sagen? Keine Ahnung, aber es ist nun mal so. Jedenfalls macht einem das Buch "London Boulevard" genau dies klar. Der Sprachwitz und die Story, die mich das Buch in einem Rutsch haben durchlesen lassen, haben mich dann auch veranlasst, mich an die Jack-Taylor-Reihe ranzuschmeißen. Und so beginnt das Problem. Ich hab`s durch und nun kommt die Frage: Wie bewertet man so ein Buch?
Die Rezensionszitate im Klappentext bieten einem hier zwei Möglichkeiten:
1. "Deshalb fällt es mir auch schwer, hier nur von einem Krimi zu reden. Es handelt sich vielmehr um ein zartes Meisterwerk, in dem ein bisschen gemordet wird." (James Crumley)
Also habe ich keinen Krimi gekauft, sondern eher ein Stück Literatur. Und als solches ist es wirklich richtig cool! Ich bin nach "London Boulevard" der Meinung, dass die Dialoge dort und in den "Jack-Taylor-Bänden" vielleicht nur Männer richtig verstehen werden - sorry Alice! - ist einfach wie bei "Ronin" mit Robert deNiro und Jean Reno. Kleiner Exkurs daraus: "Wie geht es Ihnen?" - "Ich verpfeife meine Freunde nicht!" - "War das meine Frage?" - "Ja!" - schlicht genial und ebenso genial sind manche dieser Dialoge, die m.E. auch das Highlights dieses "kleinen Stücks Literatur" sind. Ansonsten tauchen wir im Blick auf die "Handlung", wenn man das überhaupt so nennen darf, ein in die Welt eines Ex-Polizisten - wieso Ex? Der Grund findet sich auf S. 8 oben und war das einzige Mal, dass ich während des Lesens wirklich schallend lachen konnte, also soll das hier nicht verraten werden. Und? Was treibt ein Ex-Polizist so? Er wird Trinker und Privatdeketiv, das erste mit Leidenschaft und Hingabe, das zweite eher en passant und mit einer *wenns-denn-sein-muss* Einstellung. So besteht dieses Stück Literatur dann neben interessanten Dialogen und Gedanken über "Gott und die Welt" - ja über "Gott!" und die Welt, nicht über Dies und da" - sowie aus zahlreichen Abgesängen, auf die Freundschaft, soziale Beziehungen, den Job und zuletzt auf das Leben! Wir erleben die vorläufige (Selbst-)Rettung eines trinkenden Ex-Polizisten, verfolgen ihn auf seinen Wegen durch Galway, schmunzeln über die skurrilen und faszinierenden Begegegnungen mit vom Leben Gezeichneten und denken über die lyrischen Einsprengsel zwischen den Kapiteln nach. Was bleibt zuletzt? Die Einsamkeit und ein na ja "schockierendes" Ende! Soweit Möglichkeit 1.
2. "Der neue Ian Rankin..." (Publishers Weekly)
"Irish Crime" steht zart auf dem Buchdeckel, dazwischen das irische Kleeblatt. Süß, aber unnötig. Denn dieses Zitat - "Der neue Ian Rankin" ist im Blick auf den 1. Band der Jack-Taylor-Reihe gelinde gesagt, ein Treppenwitz. Fünf Auflagen hat die deutsche Fassung - sehr gut übersetzt von Harry Rowohlt - bisher erreicht. Wegen der "Krimi-Story" wird`s kaum gewesen sein. Der Plot: Eine 16jährige begeht Selbstmord, die Mutter glaubt nicht dran, "engagiert" Jack Taylor, der in kurzen Phasen der Nüchternheit ein wenig "rumstochert", wie er selber sagt. Zum Schluss "wird alles gut" - gut im Sinne von Ken Bruen: die Mutter des toten Mädchens wieder glücklich, die Morde mehr oder weniger aufgeklärt, auch die Polizei ist`s zufrieden und Jack Taylor? Weniger. Gibt`s für ihn dann noch etwas zu tun, jup, siehe "schockierendes Ende". Ist das ein Krimi? Sorry, das ganz bestimmt nicht. Ein neuer Ian Rankin, puuh, wie viele Pints hat der Redakteur von Publishers Weekly da wohl vorab getrunken, um auf so einen Quatsch zu kommen...
Kleine Nebensache. Was hat den Verlag und was hat den Lektor wohl bewogen, vorne und hinten im Buch die Innenstadt von Galway als Karte einzufügen - und zwar mit Straßennamen, die im Buch gar nicht auftauchen und - kaum zu glauben, aber wahr - ohne die verwendeten Straßennamen im Buch in die Karten einzutragen... wie sinnfrei ist das denn? Oder, anders gesagt, wie viele Pints hat... (s.o.) Dass auch die Seitenzahlen zu den Anmerkungen von Harry Rowohlt teilweise nicht stimmten, passt da nur zu gut zu dieser seltsamen Überflüssigkeit.
Und nun? Wie soll man das Buch bewerten? Wäre es Ken Bruen gelungen, Möglichkeit 1 und 2 zusammen zu fügen, zu einem "literarischen Krimi", wäre die Wahl einfach. Genau das ist es ihm aber leider nicht. Zwar gibt es Leichen und (un-)absichtliche Morde, mehr als man sogar denkt. Aber der Plot, sofern man überhaupt von solch einem reden kann, ist in, mitten, unter den säuferischen und lyrischen Eskapaden zu gut versteckt, als dass Spannung - soll ja ab und zu zu einem Krimi dazuzugehören - und "Krimi-Mitfiebern" bei der Auflösung - soll ja bei Krimis hin und wieder eine Rolle spielen - irgendwann auftauchen. Der "Fall" ist so lediglich Beiwerk für "ein zartes Meisterwerk, in dem ein bißchen gemordet wird" (James Crumley).
Also, was tun? Literarisch klasse, krimimäßig mau - wirf eine Münze! Und? Pech für Jack Taylor: 2 Sterne! Und: Pech für mich! Denn die "Ken-Bruen-Mafia", die hier jede Bewertung unterhalb von 4 Sternen sofort mit "unbrauchbar" bewertet, weil man Ikonen ja nicht anpissen darf - um es mit Jack zu sagen - wird stante pede dafür sorgen, dass auch diese 2er-Bewertung unter geht an Galways Küsten. Und? Dazu wieder ein Zitat von Jack: "Scheiß drauf!" So long!