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Patricia Cornwell, die mit ihren Romanen um die Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta zu Weltruhm gelangte, hat sich der vielleicht berühmtesten Mordserie in der Geschichte des Verbrechens angenommen und nach einer Antwort auf die Frage gesucht:
Wer war Jack the Ripper? Dabei ging es ihr keineswegs darum, die grausame Geschichte zu einem Roman auszuschmücken. Dem Vernehmen nach hat Cornwell in den vergangenen Jahren mehrere Millionen Dollar ausgegeben, um den Fall um den Serienkiller von Whitechapel mit wissenschaftlicher Exaktheit neu aufzurollen.
Das Ergebnis lautet: Bei Jack the Ripper handelte es sich in Wirklichkeit um den impressionistischen Maler Walter Sickert, der im Jahr der Morde -- 1888 -- 28 Jahre alt war. Diese Theorie ist bereits seit einigen Jahrzehnten im Umlauf und beruht auf einer Folge makabrer Gemälde Sickerts. Cornwell hat fast 30 davon aufgekauft und auf Fingerabdrücke untersuchen lassen. Auf einem will sie ein Zimmer wieder erkennen, in dem Mary Kelly, das letzte Opfer des Rippers, ermordet wurde. Außerdem hat sie herausgefunden, dass ein weithin als echt eingestufter Brief des Killers das gleiche Wasserzeichen aufweist wie die Korrespondenz des Malers. Und sie erahnt bei Sickert ein psychologisches Profil, das für einen Serienkiller geradezu maßgeschneidert scheint: Er hatte einen gewalttätigen Vater und war aufgrund eines chirurgischen Eingriffs im Kindesalter vermutlich nicht zeugungsfähig.
Forensische Experten sind über Cornwells Leistungen geteilter Meinung. Die einen halten es immmerhin für möglich, dass sie der Wahrheit auf die Spur gekommen ist, andere schütteln angesichts der Leichtgläubigkeit der Krimiautorin nur den Kopf. Ihr Buch hinterlässt ein ähnlich ambivalentes Gefühl: Einerseits hat sie ausgiebig recherchiert, das Bild der viktorianischen Epoche ist mit großer Sorgfalt gezeichnet. Anderseits springt sie innerhalb der Chronologie allzu sehr hin und her, was zwar dem wirklichen Verlauf ihrer Ermittlungen entsprechen mag, die Lektüre aber unnötig verwirrend macht. True-Crime-Freunde mögen bei diesem Buch auf ihre Kosten kommen. Scarpetta-Fans werden weiter händeringend auf das nächste Abenteuer ihrer Heldin warten. --Felix Darwin
Rezension
Der Mythos Jack the Ripper beruht neben der Grausamkeit, mit der der Serienkiller seine Opfer abschlachtete, vor allem auch darauf, dass seine Identität nie geklärt wurde. Und das, obwohl der Schlitzer sich immer wieder provozierend der Öffentlichkeit präsentierte: Der Ripper schrieb unzählige Briefe an Polizei und Presse; seine höhnische Aufforderung Fangt mich, wenn ihr könnt zählt zu den bekanntesten Äußerungen eines Mörders.
Die erfolgreiche amerikanische Krimi-Autorin Paricia Cornwell glaubt das Geheimnis gelüftet zu haben. In ihrem, im vergangen Jahr erschienenen Buch Wer war Jack the Ripper? Porträt eines Killers behauptet sie, dass die grausamen Prostituierten-Mörder im Londoner East End von dem angesehenen viktorianischen Maler Walter Sickert begangen wurden. Die ehemalige Polizeireporterin und Assistentin der Gerichtsmedizin steckte mehrere Millionen Dollar in ihre Recherche. Sie hat forensische Mediziner, DNA-Analytiker, Graphologen und Kunsthistoriker befragt. Akten, Berichte von den Morden und die 250, von Jack the Ripper unterzeichneten Briefe hat sie studierte. Aus den Memoiren der Schwester Helena las sie, dass der kleine Walter gefühlskalt und egozentrisch war. Sie kaufte Originale von Skizzen und Gemälden sowie Sickerts Zeichentisch. Auf der Suche nach der Identität des Serienmörders ging sie akribisch, fast besessen vor und kam zu dem Ergebnis: Kein anderer als Sickert kann Jack the Ripper gewesen sein.
Einen eindeutigen Beweis konnte sie nicht erbringen. Dennoch ist ihre Theorie so faszinierend und packend wie die Taten des Rippers selbst. Die Hörbuchfassung wird im Wechsel von Franziska Pigulla und Stephan Benson gelesen. Beide Sprecher tragen mit ihren markanten Stimmen das Porträt überaus spannend vor. Neben den fünf Whitechapel- Prostituiertenmorden, deren Umstände von Patricia Cornwell auf der Basis von vorhandenem Material rekonstruiert wurden, und die ziemlich an die Nerven gehen, sind es insbesondere die nach und nach präsentierten Mosaiksteinchen aus Sickerts Leben, die so sehr fesseln, dass man kaum aufhören kann: Walter Sickert, der geachtete englische impressionistische Maler, wurde 1860 in München geboren und kam bereits als Kind nach England. Er starb mit 81 Jahren. Sickert versuchte sich als Schauspieler, bevor sich der Schüler von Whistler und Degas der Malerei widmete. Sickert muss eine sehr interessante, aber auch bizarre Persönlichkeit gewesen zu sein. Er war ein Chamäleon, liebte sich zu verkleiden, besaß mehrere Pseudonyme. Er führte ein Doppelleben à la Dr. Jekyll und Mr. Hyde und streifte gerne durch die nächtlichen Slums von London. Sickert war versessen darauf, sich im Mittelpunkt zu sehen. Er schrieb manisch Leserbriefe und sammelte Zeitungen. Doch Walter Sicker war auch das: Ein Mann mit blendendem Aussehen, gebildet, vielsprachig und mit einem fotografischem Gedächtnis ausgestattet. Es scheint allerdings ein Geheimnis in seinem Leben gegeben zu haben, welches Cornwells Theorie vom Hass des Schnitzers auf Frauen untermauert. Der Maler wurde mit einer Penis-Missbildung geboren und musste wahrscheinlich infolge von Operationen mit einer Verstümmelung leben. Dies und die traumatischen Folgen unterstützen ihre Annahme, Sickert sei ein schrecklicher Psychopath gewesen. Darüber hinaus präsentiert die Autorin erstaunliche Parallelen zwischen seinen Werken und den Morden. Vor allem die linguistische Untersuchung der Briefe verdeutlicht, dass es sich, auch bei Verstellung des Verfassers um ein und dieselbe Person handeln musste. Die Sprache weist auf einen intelligenten, hochmütigen Charakter hin.
Es ist egal, ob Patricia Cornwell recht hat oder nicht ihr Porträt eines Killers ist hier derart fesselnd vorgetragen, dass es schon allein deshalb zu empfehlen ist. Zu den Recherchen die Morde betreffend, liefert dieses Hörbuch auch interessante Informationen über London und die soziale Situation der unteren Schichten, über das viktorianische Frauenbild und die Ermittlungsmethoden dieser Zeit. Gekürzte Lesung, Spieldauer: ca. 293 Minuten, 4 CDs. -- culture.text
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.