Gleich vorweg: meine 5-Sterne Beurteilung dieses Buches bezieht sich auf die Präsentation, den Inhalt und die Recherche... ob die darin vertretene Theorie, wer Jack The Ripper nun wirklich war, zutrifft, muss jeder Leser selbstverständlich für sich entscheiden. Der Eine mag nach der Lektüre überzeugt sein, der Andere nicht - aber, sein wir ehrlich, die Gewichtung der Fakten ist bei Fragen wie "Wer war Jack The Ripper?" auch mitunter reine Ansichtssache.
Fakt ist nun mal: zum Thema Jack The Ripper gibt es eine enorme Anzahl von Büchern. Die meisten zeichnen sich dadurch aus, dass in ihnen eine mehr oder minder absurde Theorie mit aller Gewalt hingebogen wird. Oftmals liest man großspurige Einleitungen, welche von unumstößlichen Beweisen und akribischer Recherche künden, und erlebt dann nichts anderes als reine Spekulationen und mitunter abenteuerliche Schlussfolgerungen. Wer sich für die Thematik interessiert wird auf Anhieb eine ganze Anzahl Beispiele kennen.
Das hier vorliegende Buch fällt positiv aus dem Rahmen. Zunächst mal darf festgestellt werden, dass Stewart Evans zweifellos als Autorität auf dem Sektor Jack The Ripper zu gelten hat. Diesem Ruf wird der Mann auch hier gerecht, und er versteht es, mit sauber recherchierten Fakten (unter Quellenangaben) wissenschaftlich zu arbeiten. Seine persönliche Meinungen und Wertungen fließen meistens nur gut erkenntlich gemacht ein, ansonsten stellt Evans den Fall neutral dar und führt dann aus, weswegen seine Theorie ihn so überzeugt.
Die Belege und Quellenangaben sind gut, der Schreibstil flüssig, die Zitate gekennzeichnet und reichhaltig, die Fotos ebenfalls ordentlich - und gleichzeitig fehlt, obwohl der Autor selbstverständlich von seiner Theorie überzeugt ist (was ich auch erwarten würde) die in zahlreichen Ripper-Büchern so nervige Selbstdarstellung als wichtigste Autorität zum Thema, ebenso wie der Hinweis fehlt, dass nun alle anderen Theorien widerlegt sind. Evans hat es einfach nicht nötig, dümmliche Schaumschlägerei zu betreiben, sondern er kennt die Materie und versteht es entsprechend kenntnisreich zu argumentieren.
Die hier vertretene Theorie ist, dass es sich beim Ripper um den amerikanischen Arzt Tumblety gehandelt haben müsste... und die Argumente, welche Evans vorlegt, sind durchaus überzeugend, ebenso, wie sie sich gut mit den Beweisen decken. In diesem Zusammenhang ist es nun mal ein Fakt, dass es ja mit dem Anfang der 90er entdeckten "Littechild-Letter" einen wichtigen Hinweis gibt, welcher auf Tumblety als Täter hindeutet.
Wurde ich als Leser restlos überzeugt? Offen gesagt nein, nicht so sehr, dass ich mir nun 100% sicher bin - aber nicht, weil ich das Buch unüberzeugend fand, sondern weil es auch andere Theorien zum Ripper gibt, welche ich ebenfalls für glaubwürdig und schlüssig halte. Wie einleitend festgestellt: vieles ist beim Ripper auch Ansichtssache, und es gibt bei jeder Theorie zwangsläufig auch Einwände und Probleme. Dennoch ist die hier präsentierte Theorie schlüssig, nachvollziehbar und als solche logisch.
Alles in allem: wer sich für den Fall interessiert sollte dieses Buch auf jeden Fall im Regal haben. Es ist, ob man sich der Meinung des Autors anschließt oder nicht, erstklassig recherchiert und gehört zu den wichtigsten Werken zum Thema - und ist dabei auch noch sehr informativ, kenntnisreich und sehr detailliert geschrieben.