Nachdem Fernau in seiner grandiosen Liebeserklärung an die Griechen Apoll Rosen zu Füßen legte, widmet er sich in "Cäsar läßt grüßen" den Römern. Wieder erzählt er die Geschichte einer Kultur nach, wieder auf seine unnachahmlich pointierte, geistreiche Art. Und wieder trifft er, was die Mentalität angeht, den Nagel auf den Kopf, wenn er unter Verteilung vieler Seitenhiebe die Anfänge der Römer aufs Korn nimmt: Die Ankunft des Äneas in Latium und vor allem die Geschichte von Romulus und Remus rekapituliert er süffisant unter Weglassung des Mythischen, sodass er zu folgendem Resumé kommt: "Auffallend ist die ganz ungriechische Nüchternheit und die völlige Beziehungslosigkeit zu den dämonischen Mächten. Schmucklos und ohne Glanz wird alles aneinandergereiht." Es folgt eine Fantasia, was die Griechen aus dem Stoff rausgeholt hätten -- ein Glanzstück der essayistischen Literatur: "In Hellas hätte Artemis ihre Lieblingswölfin geschickt, und der Hirte wäre der berühmte Zentaur Dr. phil. Chiron gewesen [...]. Vielleicht wäre sogar Hermes persönlich bemüht worden" und so weiter. Zum Schreien komisch -- und ins Schwarze treffend.
Allerdings liegt es an diesem grundlegenden Unterschied zwischen Griechen und Römern, dass "Cäsar läßt grüßen" einen bittereren Tenor hat als "Rosen für Apoll" -- man spürt es sofort: Die Griechen liebt er, die Römer respektiert er nur. Zur Liebenswürdigkeit fehlen ihnen, so Fernau, das Übermütige und das Musische. Dieser Unterschied hindert Fernau aber nicht daran, auch hier wieder einen geistsprühenden Parforce-Ritt durch die Geschichte hinzulegen; das Buch liest sich ebenso amüsant wie sein Vorgänger.
Fernau konzipiert seine Geschichte der Römer nicht als historischen Bericht, sondern als feuilletonistischen (Schließlich war er ja auch gelernter Journalist, und kein gelernter Historiker). Anstelle einer Liebeserklärung wie beim Griechen-Buch liest man hier nun eine gallige Bestandsaufnahme mit vielen Bezugspunkten zur Gegenwart, wie ja bereits der Buchtitel andeutet. Diese Bestandsaufnahme glänzt in geschliffenem, allerbesten Feuilleton-Stil. Mehr als einmal muss man laut auflachen, oder doch wenigstens kichern. Fernau nähert sich dem vermeintlich oder tatsächlich Erhabenen nicht ehrerbietig, sondern in Augenhöhe. Respektlos hat man ihn genannt -- nun, respektlos ist Fernau vor allem gegenüber den Klischees und historischen Gemeinplätzen. Seinem Thema, Rom und den Römern, schaut er hingegen vor allem genau auf die Finger.
Fernau fragt nach: Wie war das mit der Etablierung der Republik? Waren die römischen Könige wirklich so vermessen? Und waren die Etrusker wirklich Tyrannen? Waren die Gracchen tatsächlich immer so edel, wie es die Geschichtsbücher wissen wollen? Was geschah bei den Punischen Kriegen? Und wie war das beim Bürgerkrieg: War Sulla nur böse, und welche Rolle spielte Marius? Schließlich: die Kaiserzeit: Auch hier wird das ein oder andere bekannt geglaubte Herrscherporträt ordentlich abgestaubt... Hinzu kommt, dass Fernau immer wieder mit amüsantem Detailwissen glänzt und damit seiner Betrachtung das Sahnehäubchen verpasst -- damit und natürlich vor allem mit seinen süffisanten Randbemerkungen. Und bei aller feuilletonistischen Versiertheit behält Fernau stets die wichtigen Fakten im Auge.
Mehr als eine Schulbuch-Weisheit bürstet Fernau augenzwinkernd gegen den Strich, und mitunter fördert er damit funkelnde Perlen zutage, etwa wenn er die sagenhaften Anfänge Roms souverän auf ihre tatsächliche, nicht allzu große Bedeutung zurechtstutzt. Seine eigene Meinung verhehlt er nie und erweist sich als furioser Kritiker seiner Gegenwart.
Allerdings sind Fernaus Ansichten zu manchen Themen eher schwer verdaulich, und nicht immer spricht ein "temperamentvoller Konservativer", wie man ihn früher dezent bezeichnete, sondern... Nunja. Die Leser sind erwachsen und werden das selber beurteilen können. Man kann Fernau durchaus seine NS-Vergangenheit als übler Scharfmacher vorwerfen, muss es sogar.
Andererseits mag ich einem dermaßen gelungenen Werk nicht die Vergangenheit seines Autors vorwerfen. Also zurück zu den stocknüchternen, amusischen Römern:
Fernau erzählt die Geschichte aus seiner Sicht nach. Und das tut er geistreich wie wenige andere.