Nach den kontroversen Diskussionen um die bahnbrechenden Einspielungen der 70-er und 80-er Jahre durch Harnoncourt, Herreweghe und Gardiner war es weder möglich, noch erstrebenswert, der Matthäuspassion ein weiteres provokatives Gesicht aufzusetzen. Dem trug Gustav Leonhardt Anfang der 90-er Jahre erwartungsgemäß Rechnung, indem er uns eine angenehm unaufdringliche, sehr ernste Deutung der Passion schenkte. In tiefer Andacht wird der Hörer zu den einzelnen Stationen des Leidenweges geführt während sich die Arien und Choräle in nötiger Betrachtungsdistanz zum Geschehen entfalten können.
Die Musik macht auf mich den Eindruck, als hätten sich die Musiker an einem ganz besonderen Ort getroffen, um eine große Tat zu vollbringen. Dort trafen sich eine große Anzahl der damalig besten Bachinterpreten, denn alle Solostimmen sind doppelt besetzt. Unter diesen Größen waren Christoph Pregardien (Evangelist), Max Van Egmond (Jesus), Peter Lika (Pontius Pilatus), Klaus Mertens (Bass), Markus Schäfer (Tenor), Rene Jacobs (Alt), David Cordier (Alt) und der Tölzer Knabenchor. Müßig zu erwähnen, dass sich das Orchester der La Petite Bande aus führenden Bachinterpreten rekrutierte.
Leonhard`s Entscheidung, die Sopranpartien von Mitgliedern des Tölzer Knabenchores zu besetzen war allerdings trotz der gut gemeinten historischen "correctness" ein Wagnis. Dass die Sopranarien dadurch stark an Volumen und Ausdruck einbüßen mussten, nahm Leonhard beabsichtigt oder nicht in Kauf. Letzten Endes war das Resultat unbefriedigend. Ein nicht zu verschweigendes Manko stellt zudem die uninspirierte, ja asketische Darbietung der Jesusrolle durch Max van Egmond dar.
Trotzdem ist Leonhardt`s Deutung der Matthäuspassion eine unbedingte Kaufempfehlung, da sich ein großer musikalischer Tiefgang entwickelt, welcher eine unmittelbare Intimität vermittelt. Pregardiens Tenorpart ist bis heute unübertroffen.