Diese Aufnahme (Herreweghes zweite) hat mich wirklich begeistert! Ein phantastischer 16stimmiger Chor, ein zurückhaltendes aber alertes Orchester und zumeist fabelhafte Solisten zeigen das Werk aus einem anderen, etwas milderen Licht als der dramatische Gardiner.
Das hängt nicht nur mit der Wahl der Werkfassung zusammen: hier wurde Bachs zweite Version von 1725, entstanden nach der Erstaufführung, eingespielt. Laut Booklet wurde Bach nämlich von seinen Vorgesetzten implizit vorgeworfen, die Johannespassion enthalte zu viele opernhafte Momente. Die daraufhin entstandene Fassung enthält einige andere, sehr schöne und dramatische, Arien als die bekanntere Erstaufführungsfassung, leider entfielen aber einige wenige Chöre, vor allem der großartige Anfangschor („Herr, unser Herrscher"). Das könnte ein Manko sein, würde das Ganze nicht so intensiv und stimmig zu einer musikalischen Einheit geformt: Die Passionsgeschichte wird sehr sorgfältig und zupackend erzählt, die Tempi in den Chören und Arien sind jedoch insgesamt ein wenig ruhiger gewählt als etwa bei Gardiner - kein Nachteil, sondern Zeit, um Zwischenstimmen hörbar zu machen, die sonst im "Sturm der Ereignisse" untergehen! Bei Herreweghe steht die tröstliche Botschaft im Mittelpunkt. Die Choräle sind nicht „Durchgangsstation" sondern echter Ruhepol.
Für mich gibt es bei der Johannespassion nur ein entweder/oder: Einerseits kann man das Ganze so folgerichtig und dramatisch anpacken wie der meiner Meinung nach immer noch unübertroffene Gardiner oder eben etwas „kontemplativer", wie es Herreweghe hier ebenso folgerichtig dirigiert. Ein Mittelweg, wie ihn etwa der ebenfalls hörenswerte Suzuki wählt, wirkt zwar in seinen Einzelteilen faszinierend , aber eine musikalisch-dramatische Einheit entsteht so leider nicht.
Ein Wort noch zu den Solisten: Padmore, Scholl und Volle sind schlichtweg großartig. Der Arienbass (Noack) etwas zu dramatisch aber auch gut. Die an sich sehr gute Sopranistin (Rubens) jedoch verfehlt in ihrer ersten Arie („Ich folge gleichfalls") völlig den geforderten (und vom Orchester vorgegeben) ruhigen und trotzdem freudig-erregten Tonfall und macht aus dem Stück irgendetwas zwischen Rachearie und Kaffeekantate. In der zweiten Arie fällt die überdramatische Interpretation glücklicherweise weniger schwer ins Gewicht, so dass der Gesamteindruck der Einspielung überhaupt nicht getrübt wird.
Kurz gesagt: Diese Aufnahme ist ein Muss! Wer sich nur eine Version der Johannespassion zulegen möchte, sollte aber besser die mitreissende Einspielung Gardiners probehören, allein, weil einem hier der Anfangschor entgeht. Ansonsten: unbedingte Empfehlung!!