Ich dachte: Schon wieder eine Neueinspielung der H-moll Messe? Na, wenn das nicht wieder eine dieser Platten ist, auf der sich die Verfechter der historisierenden Aufführungspraxis als die "authentischsten" Bachinterpreten profilieren wollen, indem wieder höher, schneller, weiter und äh, trockener gespielt wird.
Doch schon die ersten Takte des Kyrie Eleison machen Lust auf mehr: Der Einleitungsruf beginnt packend-dramatisch, das langsam absteigende Seufzermotiv endet mit einer langen Generalpause. Das folgende Instrumentalvorspiel wurde nie eindringlicher "gefleht", worin der Chor colla parte mit atemberaubender Intensität (Bässe!!) verschmilzt. Die Spannung kann jedoch in der "Durchführung" auch von Hengelbrock nicht überzeugend gehalten werden. Insgesamt aber eine ganz neue Hörerfahrung, die ich derart emotional nicht einmal von Gardiner kenne. Aber schließlich haben wir es hier auch mit dem Freiburger Barockorchester und dem Balthasar-Neumann-Chor zu tun.
Erste Ernüchterung allerdings beim ersten Duett, in dem die recht blassen Stimmen nicht die geforderte Ausdruckskraft entfalten können, was auch für die übrigen Solisten gilt (die sämtlich aus dem Chor gestellt werden). Beim Gloria dann bestätigt sich doch meine anfängliche Befürchtung: die Schnelligkeit, mit der dieser Satz genommen wird, steht in keinem Verhältnis zu den Konkurrenzaufnahmen und wirkt unnatürlich. Das gleiche beim "cum sancto spiritu" und vor allem beim "et resurrexit". Man könnte meinen, Jesus sei nach seiner Auferstehung keuchend fortgelaufen und die Musiker müssten ihn wieder einfangen! Na gut, dass die Ausführenden dieses Tempo recht fehlerfrei halten können: Respekt! Dabei lässt einem aber das Gefühl nicht los, dass "höher, schneller, weiter" doch wieder gespielt wird.
Im Gegensatz dazu ist Hengelbrocks Lesart der langsamen Sätze eine sehr erfreuliche. "Crucifixus" und "et incarnatus est" sind ganz nah dran am biblischen Geschehen. Der Chor scheint geradezu Anteil an Jesu Leiden zu nehmen, ohne exzentrisch zu wirken. Der fugierte Teil des "Sanctus" und die "Osanna"-Chöre sind in dieser Einspielung wohl am gelungensten zu hören, einfach nur unglaublich virtuos.
Die Aufnahmetechnik liefert ihr Übriges um diese Messe ganz oben in der Bachdiskographie anzusiedeln.