Diese von Fabian Geyer geschriebene, gegen 160 Seiten umfassende Biographie aus der bekannten Rowohlt-Reihe bietet einen sehr lesenwerten und informativen Einstieg in die lebensgeschichtlichen Hintergründe des bekannten Fantasy-Autors, Sprachwissenschaftlers und Dichters J. R. R. Tolkien. Bis dahin lediglich mit einigen Büchern seines erzählerischen Werks vertraut (
Der Herr der Ringe,
Das Silmarillion,
Der Hobbit,
Roverandom sowie einiger Fragmente aus
Nachrichten aus Mittelerde), habe ich diesem Buch viele wichtige biographische Angaben entnehmen können, welche für Tolkiens Entwicklung als Autor und die Entstehung seiner Arbeiten von verständnisweisender Bedeutung sind. So habe ich erfahren, wie bestimmend für sein Werk die Lyrik ist, weil Tolkien in ihr die intensivste, konzentrierteste und direkteste Art des sprachlichen Ausdruck gesehen hat. Er interessierte sich dabei schon sehr früh in seinem Leben buchstäblich für alles was altsprachlich ist und darunter vorzugsweise das, was aus dem Norden stammt. Sprache und Mythologie der klassischen Antike gehörten zwar zu seiner grundlegenden Bildungserfahrungen, traten aber später eher in den Hintergrund. Von einem, vorwiegend neuzeitlich technologisch bedingten Zerfall grundlegender menschlicher Werte zutiefst pessimistisch gestimmt und dagegen aufbegehrend, lag ihm sehr viel daran, in all seinen Erzählungen, Gedichten und mythologischen Entwürfen, gefährdete, vermisste oder gar verloren gegangene Werte für den Leser wieder sichtbar und erlebbar zu machen.
Mit dieser Kernabsicht, von welcher das Leben und Lebenswerk Tolkiens durchgängig durchdrungen ist, beschäftig sich Geyer in seinem ganzen Buch. Man erfährt sehr viele Details aus Tolkiens Kindheit und Jugend und noch viel mehr über die späteren Jahre. Es ist alles sehr flüssig zu lesen, doch ich merke erst jetzt, wo ich darüber schreiben will, wie äusserst komplex und vielschichtig die Fäden aus der Biographie zu den Werken Tolkiens verlaufen. Dem Autor ist es ganz offensichtlich gelungen, den Leser zu einem gut begreiflichen Werkverständnis in biographischer Hinsicht zu geleiten, ohne dabei die Sachverhalte unnötig zu verkomplizieren.
Wenn ich im Folgenden ein paar Themenbereiche aus dieser Biographie stichwortartig kurz erwähne, handelt es sich nicht um eine vollständige Inhaltsübersicht, sondern lediglich um eine sehr persönliche Auswahl von Themenbereichen, auf die ich potentiell interessierte Leser aufmerksam machen möchte. Es ist zu erfahren: vom frühen Tod von Tolkiens Eltern, von seiner sehr klassisch, aber auch sehr religiös geprägten Schulbildung, seiner akademischen Karriere, welche ihn schliesslich als Sprachwissenschaftler an die Universität Oxford führte. Dort unterhielt er zusammen mit C. S. Lewis und anderen, z.T. sehr renomierten Personen eine Art Schriftstellerclub, der sich die "Inklings" nannte, für Tolkien eine Quelle ständiger Inspiration und Motivation (insbesondere für den "Herrn der Ringe"). Die Mitglieder dieses Clubs trafen sich über zwei Jahrzehnte hinweg sehr regelmässig, um sich ihre laufenden Arbeiten gegenseitig vorzutragen, wobei sie sich gegenseitig "schonungslos kritisierten". Ein Teil der hochrangigen Qualität von Tolkiens Erzählungen erklärt sich ganz gewiss durch diese anhaltende literarischen Auseinandersetzung in diesem Rahmen. Zweifellos war insbesondere der Einfluss von C. S. Lewis (
Die Chroniken von Narnia,
Die Perelandra-Trilogie etc.) ganz entscheidend für die Vollendung des Herrn der Ringe, wie umgekehrt Tolkien wesentliche Wirkung auf Lewis und seine Arbeiten hatte. In der Diskussion zwischen Tolkien und Lewis, beide zählt man heute zu den Fantasy-Autoren der ersten Stunde, war insbesondere auch der Begriff der "Zweitschöpfung" (manchmal ist auch von "Sekundärwelt" die Rede) von Wichtigkeit. Es handelt sich dabei um die Frage, in welchem Verhältnis eine dichterisch "erfundene Welt" zu unseren eigenen realen Welt- und Glaubensbezüge steht. Auch dieser Begriff wird in Geyers Tolkien Biographie sehr gut erläutert.
Der Band ist reich, z.T. auch farbig bebildert. Zu sehen sind wichtige Personen, Orte und Stationen im Leben Tolkiens, aber auch seiner Frau Edith und seiner Kinder. Abgedruckt ist auch die Ansichtskarte "der Berggeist", mit einer Figur, die so etwas darstellt wie der 'Ur-Gandalf', welche Tolkien, laut seinen eigenen Angaben, zu seinem berühmten Grauen Zauberer inspiriert hat. Auch der von Tolkien in wunderschöner Tengwar-Kaligraphie (T. = eines der von Tolkien erfundenen Schriftsysteme, hier für die Elbensprache Sindarin) angefertigte "The King's Letter" findet sich abgedruckt. Das ist ein Brief aus dem Jahre 16 des vierten Zeitalters, welcher dem Bürgermeister Sam Gamdschie den Staatsbesuch Aragorns, des Königs von Gondor, im Auenland ankündigt. Was mir aber von den Abbildungen am meisten Eindruck machte, sind Tolkiens eigene Zeichnungen zur Illustration seiner Geschichten, die sich heute leider, mit Ausnahme seiner berühmten Karten von Mittelerde, kaum noch in seinen Büchern finden lassen. Besonders beeindruckt war ich von jener Zeichnung Tolkiens, welche zeigt, wie Bilbo, durch den Ring unsichtbar, in der Halle vom Einsamen Berg den Drachen Smaug überlistet. Ich finde für die Zeichnungen Tolkiens, welche hier an dieser Stelle unbedingt eine würdigende Erwähnung verdienen, gilt dasselbe was sein Genie auf der sprachlichen Ebene ausmacht. Genauso wie er in der Lage ist, mit lediglich ein oder zwei nicht einmal besonders langen Sätzen eine phantastische Vision zu erzeugen, so gelingt ihm dies auch mit seinen liebevoll ausgestalteten Zeichnungen. Mag uns die eine oder andere Illustration auf den ersten Blick lediglich wie ein Kinberbuchbild von eher untergeordnetem 'graphischen Wert' erscheinen: in seiner Aussagekraft und seiner Dramatik gewinnen aber diese Bilder schliesslich einen sehr hohen und bleibenden Wirkung auf die Phantasie, die, dadurch berührt, von jenem nicht immer nur eben leicht fasslichen, aber von Tolkien so oft und so gekonnt erzeugten, gleichermassen typisch wie geheimnisvoll durchdringenden geistigen Licht erhellt wird.
Das Buch von Fabian Geier bietet einen ersten soliden Einstieg in das Leben und den Werdegang des grossen Autors und ist auch für eilige Leser bestens geeignet. Wer sich weiter vertiefen möchte, fühlt sich nach dieser Lektüre gut vorbereitet für die ausführlichere Tolkien-Biographie von Humphrey Carpenter (
J. R. R. Tolkien. Eine Biographie) und die von diesem und Christopher Tolkien herausgegebenen
Briefe, die einen sehr viel weitgespannteren Einblick in die biographischen Hintergründe von J.R.R. Tolkien's Schaffen gewähren.