Aus der Amazon.de-Redaktion
J.R.R. Tolkien wird von Literaturkritikern gerne geschmäht, dagegen von Millionen von Fantasy-Lesern ungebrochen geliebt und verehrt. Jetzt hat ein Sprachwissenschaftler und Tolkien-Liebhaber die Summe seiner Forschungen vorgelegt und bietet damit einen eindrucksvollen Einblick in eine Welt, die wir -- auch wenn wir sie gut zu kennen glauben -- so noch nicht wahrgenommen haben.
Tom Shippey ist Mediävist und als Nachfolger auf Tolkiens eigenem Lehrstuhl in Oxford bestens mit dessen Arbeits- und Denkweise vertraut. Akribisch und kenntnisreich legt er offen, worin Tolkiens fantastische Welten ihren Ursprung nahmen -- in der Bedeutung der Wörter. Dass beispielsweise das deutsche "Zwerg" und das englische "dwarf" auffallend ähnlich klingen, weist auf einen gemeinsamen Ursprung in einer älteren Sprache hin -- und damit auf ein Wesen, dass bis heute noch in unserem kollektiven Bewusstsein existiert. Diese Urgründe der menschlichen Geistesgeschichte wollte Tolkien ausloten, als er einer modernen Welt die verlorenen Mythen zurückzugeben versuchte.
Von diesem Ursprung ausgehend beschreibt Shippey die Entstehung von Der Hobbit und den Werdegang der größeren Geschichte. Einer Analyse der Handlung und ihrer verschiedenen Sprachebenen folgen Kapitel über die "Auffassungen des Bösen" und die mythische Dimension von Der Herr der Ringe. Kapitel über Das Silmarillion und die kürzeren Arbeiten Tolkiens beschließen den Band.
Trotz der vielen sprachwissenschaftlichen Details schreibt Shippey verständlich und unterhaltsam und ist damit einer breiten Leserschaft zugänglich. Kein Tolkien-Fan wird der Versuchung widerstehen können, all die heiß geliebten Geschichten und Figuren einmal in dieser analytischen Sichtweise verstehen zu lernen -- und damit vielleicht eine Antwort auf die Frage zu finden: "Was ist es eigentlich, was mich dieses Buch wieder und wieder lesen lässt?" Shippey bietet eine erhellende Sichtweise und zugleich eine Liebeserklärung an den "Autor des Jahrhunderts". --Birgit Will
Kurzbeschreibung
Tom Shippey legt hier die Summe seiner Tolkien-Forschung vor. Er weist nach, dass Tolkien weniger einen Abenteuerroman schreiben wollte, sondern eine linguistische Fantasy, dass der Ursprung seiner Geschichte in Wörtern begründet liegt. Anhand einer sprachgeschichtlichen Analyse des Hobbit-Namens Baggins (deutsch Beutlin) und der Untersuchung des Sprachstils der Hobbits weist Shippey nach, dass die Auenlandbewohner in Mittelerde einen Anachronismus darstellen, dass sie 'moderne' Figuren und als Zeitgenossen Tolkiens zu sehen sind. Shippey, der Tolkiens Werk in einem Atemzug mit dem von James Joyce nennt, findet zudem scharfe Worte für die Literaturkritik, die für 90 Prozent dessen, was die Leser lieben, kein Interesse zeigt. Für ihn - und für die Mehrzahl der Leser - ist Tolkien der Autor des Jahrhunderts.
Autorenportrait
Wie kaum ein anderer ist Tom Shippey dazu prädestiniert, über Tolkien (und ganz in seinem Sinne) zu schreiben: hat er doch selbst in Oxford gelehrt, teilweise noch während Tolkiens eigener Lehrtätigkeit, und Tolkiens eigene Fächer. Shippey hatte den Lehrstuhl für Mediävistik an der Universität von Leeds inne, denselben, den Tolkien früher bekleidet hatte. 2001 wurde er mit dem "World Fantasy Award" ausgezeichnet. Shippey lehrt zur Zeit an der Universität von St. Louis, USA