Wer wie ich in Norddeutschland in der Nähe der dänischen Grenze lebt, weiß, daß unsere sympathischen Nachbarn Gastlichkeit und Geselligkeit in hohem Maße pflegen. Die Dänen haben es gern "hyggelig", gemütlich also, ja: behaglich. Es gibt allerdings eine Form der "Hyggeligkeit", die sich zum beklemmenden Alptraum auswachsen kann. Von solch einem Alptraum berichtet Siegfried Lenz in seiner schmalen Erzählung "Jütländische Kaffeetafeln" - er nennt ihn seinen "Kummer". Über 20 Jahre lang habe er ihn aus Rücksicht verschwiegen, nun aber dränge er hinaus in das Licht der Öffentlichkeit.
Wer in Jütland zu einer Kaffeetafel eingeladen wird, findet sich erst nach dem Abendessen im Haus der Gastgeber ein. Zunächst wird ein kräftiger, stark gebrannter Kaffee gereicht und ständig nachgeschenkt. Dazu werden nacheinander aufgetischt: gebutterte Brötchen, Kranzkuchen (Blätterteig), lagkage (Torte), Napoleonschnitte (Blätterteig, gefüllt mit Vanillepudding), Nußtorte mit Buttercreme, schließlich Kleingebäck. Ablehnen mangels freier Kapazitäten oder wenigstens einen Kuchengang auslassen ist aus Höflichkeitsgründen undenkbar. Irgendwann wankt man mit bleischwerem Magen und zugleich mit einem veritablen Kaffeerausch nach Hause.
Siegried Lenz, der über Jahrzehnte den Sommer über in Jütland lebte und arbeitete, schlägt erneut den in "So zärtlich war Suleyken" so trefflich gelungenen Sprachton zwischen vorgeblicher Einfalt, Humor und feiner Ironie an.
Der Erstdruck erfolgte bereits 1981 in einem Merianheft. Die jetzt herausgegebene Einzelausgabe enthält kongeniale Illustrationen von Kirsten Reinhold, die das Büchlein zum schönen kleinen Geschenk aufwerten. Sehr empfehlenswert auch zum Vorlesen in vorweihnachtlicher Zeit bei Kaffee, Tee und Kuchen oder Gebäck in hyggeliger Runde bei Kerzenschein.