"Alles zu seiner Zeit, sagte Salomo und zählt einen ganzen Posten auf, auch Steine sammeln und Steine zerstreuen. Aber das Auswandern nach Amerika hat er vergessen. Das war damals wohl noch keine Mode" -- Zitate wie dieses sind nicht untypisch für "Jürnjakob Swehn den Amerikafahrer", der als junger Mann ca. 1868 nach Amerika ausgewandert ist und nun, auf sein Leben zurückblickend, Briefe in die alte Heimat schreibt. Nicht untypisch für Jürnjakobs Sprache also: norddeutsches Platt, durchsetzt mit amerikanischen Brocken ("ich gleiche das nicht"/"I don't like that"), in das er immer wieder Katechismus- und Bibelzitate einstreut, deren Bilder und Metaphern er in naiver, sehr eigenwilliger Diktion erweitert; hinzu kommt ein plastischer, anschaulicher Sprachgebrauch. Die Lektüre von Passagen wie der folgenden ist das reine Vergnügen: "Das alte Schulhaus wollte zusammenbrechen. [...] Nun wollte die Nordwand umfallen. Sie dachte: Ich habe lange genug gestanden. Ich bin müde geworden. Ich will mich hinlegen und ausruhen. Die anderen Wände dachten auch so." Der farbige Stil wird nie zum Selbstzweck; das ist wohl der Grund, warum "Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer" seit gut 100 Jahren seine Leser in den Bann zieht. Aber der Reihe nach:
Jürnjakob Swehn hat es zu was gebracht in der Neuen Welt; in Iowa, einem der Hauptansiedlungsgebiete der deutschen Auswanderer, er besitzt er eine ansehnliche Farm und ist ein respektiertes Gemeindemitglied. Seine Kinder sind erwachsen geworden, und er selbst hat in den Wintermonaten viel Zeit, um auf sein Leben zurückzublicken in den vielen Briefen, die er an seinen früheren Schullehrer in Mecklenburg schreibt.
Es sind lange Briefe, in denen er auf seine Jugend als Häuslersohn zurückblickt, auf die Überfahrt nach Amerika, die ersten schweren Jahre -- vor allem aber berichtet er über das Leben der deutschen Auswanderer in Amerika, von seinem Besuch der Weltausstellung in Chicago, über manch ein skurriles Ereignis im ländlichen Iowa (das Kapitel "Von Kirchen und Pastoren" z.B. dürfte auch den ärgsten Griesgram zum Schmunzeln bringen), aber auch über den Zusammenhalt von Familie und Gemeinde, oder über den Tod seiner Mutter, die er an ihrem Lebensabend hatte nachkommen lassen.
Nichts Spektakuläres eigentlich -- es ist Jürnjakob Swehns eigenwillige Sprache, die seinen Berichten über sein Leben, seinen Alltag und natürlich all die skurrilen Vorkommnisse ihren besonderen Reiz verleiht. Der Herausgeber, Johannes Gillhoff, hat den Originaltext behutsam bearbeitet (lediglich im letzten Kapitel trägt er zu stark auf; das ist kein authentischer Jürnjakob-Swehn-Ton mehr). Herausgekommen ist ein hinreißender Text, mal zu Herzen gehend, mal unglaublich komisch und vor Situationskomik strotzend, den man immer wieder lesen wird; viele der kleinen Geschichten eignen sich übrigens auch gut zum Vorlesen!
Über wessen Gesicht sich bei Stichworten z.B. wie "amerikanische Bekehrung" ("Denn sie aßen erstens aus Hunger und zweitens aus Rache und drittens noch einmal") oder "Ihr Ottern! Ihr Schlottern und Zangen!" (im Bericht über eine grandios verunglückte Laienpredigt) ein seliges Grinsen ausbreitet, der kennt seinen Jürnjakob Swehn. Alle anderen sollten ihn schleunigst kennenlernen, denn, in Jürnjakob Swehns eigenen Worten: "Das hat der Mensch gern, wenn er sich freuen kann" -- z.B. an diesem Buch.