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Jüdisches Denken in Frankreich: Gespräche mit Jacques Derrida, Emmanuel Lévinas, Jean-François Lyotard u. a.
 
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Jüdisches Denken in Frankreich: Gespräche mit Jacques Derrida, Emmanuel Lévinas, Jean-François Lyotard u. a. [Taschenbuch]

Elisabeth Weber

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Produktinformation


Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

«. . . nie genug und stets zu sehr . . .»

Positionen jüdischer Intellektueller in Frankreich heute

Die republikanische Tradition Frankreichs hat, trotz den historischen Einbrüchen des Dreyfus-Skandals und der offen antisemitischen Episode des Vichy-Regimes, dem französischen Judentum eine ganz besondere Form der mehrfachen, gewiss nicht konfliktfreien, jedoch in ihrer kulturellen und politischen Spannung fruchtbaren Identität erschlossen. Die Integration jüdischer Bürger in den Zentralstaat wurde bei voller Anerkennung der konfessionellen Freiheit vollzogen: Bis 1905 waren Rabbiner ebenso wie katholische oder protestantische Priester französische Staatsbeamte. Jüdisch zu sein, französisch zu sein und ausserdem in der Überlieferung einer russischen, polnischen oder nordafrikanischen Kultur zu stehen – das bezeichnet in diesem Lande Gegensätze, mit denen sich leben lässt.

Distanzen und Gemeinsamkeiten

Ob es also überhaupt gibt, was Elisabeth Weber im Titel ihrer Interviewsammlung dezidiert ein «Jüdisches Denken in Frankreich» nennt, gilt selbst bei ihren Gesprächspartnern keineswegs als ausgemacht. Es gelang ihr in diesem Buch jedoch, eine Verflechtung von Traditionen darzustellen, aus der das rechtsrheinisch so genannte «französische Denken» heute beträchtliche Impulse empfängt.

Das geistige Profil der westeuropäischen Intellektuellen zeigt sich zunehmend durch jene Historiker und Philosophen der Devianz geprägt, wie sie nun auch eben dieser französische Kulturraum hervorgebracht hat: Gleich drei jüdische Historiker des Devianten, Denker, die gleichsam quer zu den Normen ihrer eigenen Disziplin und zu den gesellschaftlichen Ideologien arbeiten, stellt Elisabeth Weber daher in ihrem Band vor: Pierre Vidal-Naquet, Rita Thalmann und Léon Poliakov. Unbekannte sind sie ganz sicher nicht; ebensowenig wie die Philosophen Jean-François Lyotard, Jacques Derrida, Emmanuel Lévinas oder der Journalist Luc Rosenzweig, die hier Auskunft über den politischen Kontext, die Motive und die Genese ihres Denkens geben.

Die Konstellation allerdings offenbart bei aller Distanz, die von den befragten Intellektuellen zum Judentum als einem Unterscheidungsmerkmal ihrer Arbeit eingenommen wird, doch so etwas wie eine gemeinsame Verpflichtung: «Jüdisches Denken in Frankreich» meint hier zunächst ein Denken nach Auschwitz, das um die Pole von Geschichte, Zeugenschaft und sprachlicher Überlieferung kreist, meint ein ethisches Denken mithin, das sich der Beunruhigung einer äussersten Selbstgefährdung aussetzt und gleichwohl nicht einer normativen Moral das Wort leihen will.

Zum Verrat verurteilt?

Pierre Vidal-Naquet, Zeithistoriker, Historiker der griechischen Antike, Autor u. a. von «Les Juifs, la mémoire et le présent» (1981/1991), ist ein prägnantes Beispiel dafür. Seine Arbeiten konfrontierten die französische Öffentlichkeit mit den Folterpraktiken im Algerienkrieg, setzten aber auch immer wieder das kollektive Gedächtnis des Judentums der Sperrigkeit jener Fakten aus, die sich einer dogmatischen Auslegung widersetzen. Sie erinnern daran, dass wahre Geschichtsschreibung sich allen religiösen oder politischen Einvernahmen sperrt: Aus Vidal-Naquets wissenschaftlichem Denken spricht eine stete Unruhe des Erinnerns, gehe es nun um die Entzauberung des heroischen Mythos von Massada oder um die Kritik an einer neuen israelischen Mythologie von der angestammten Heimat.

Er gebraucht sogar den Ausdruck vom Historiker als einem «Verräter»: ein Verräter, der den steten Widerspruch zu jeglicher Festschreibung von Erinnerung artikuliert, wie sie auch noch im sakralen Gedächtnis des orthodoxen oder zionistischen Judentums ausgeübt wird.

Vidal-Naquets Formulierungen finden bei dem aus Algerien stammenden Philosophen Jacques Derrida ein Echo, wenn dieser im Gespräch seine persönliche Position als Leiden und Unbehagen an dem Paradox bezeichnet, «nie genug oder stets zu sehr Jude zu sein», eine Position, welche nur die Identität des schlechten oder letzten aller Juden zulasse, der «wirklich ein Verräter» sei. Doch weit entfernt davon, über diese Lage zu klagen, sieht Derrida in ihrer Schwierigkeit einen Motor seines Denkens und Schreibens. Er bekundet damit eine Haltung, die Vidal-Naquet andernorts ein «waches Bewusstsein darüber» nannte, «in welchem Masse man ein Produkt von Brüchen ist».

Auch im Falle Derridas haben sich diese Brüche biographisch eingeschrieben: Auf Grund der antisemitischen Erlasse des Vichy-Regimes wurde 1942 allen algerischen Juden die französische Staatsbürgerschaft abgesprochen. Jüdische Schüler mussten die algerischen Gymnasien verlassen. Doch zeichnet sich in Derridas Warnung vor der Gefahr, das Judentum in eine irgendwie beispielhafte Nichtidentität ideologisch einzuschliessen, auch die Erinnerung daran ab, dass Kulturen ihre Kraft und ihre Geschichte immer aus den zugelassenen und ermöglichten Differenzen beziehen. Seine Verarbeitung jenes Traumas, welches die Juden Algeriens in ihrer Orientierung an der französischen Kultur erlitten, ist also durchaus offensiv und bezieht sich immer noch auf eine kulturelle Tradition, die Unterschiede zulassen kann.

Ethos des Unkalkulierbaren

Für alle in diesem Band vorgestellten Denker gilt der Satz, den die feministische Historikerin Rita Thalmann gleichsam als den kategorischen Imperativ eines neuen Geschichts- und Gegenwartsbewusstseins formuliert: «Man muss auf feine Nuancen bedacht sein.» Nicht also – wie es manchmal in den Fragen Elisabeth Webers anklingt – im moralischen Tremolo der authentischen Erfahrung als Opfer der Geschichte liegt die Relevanz eines vorgeblich «jüdischen» Denkens und einer heutigen Ethik. Sondern diese Relevanz liegt vielmehr in einer veränderten Perspektive auf den Menschen, die seine Anerkennung als jeweils Anderer mit der Frage nach historischen Konflikten und Brüchen verbindet.

Die Gespräche kreisen daher immer wieder um die Darstellung eines paradoxen Ethos des Unkalkulierbaren, das nicht systematisiert entworfen wird, sondern sich unablässig vom Anderen her adressiert, um ein Ethos also, das nicht wie noch bei Kant um der Verpflichtung als solcher willen formuliert wird, sondern das um des Andern willen stets in Frage steht. Ethisches Denken heute hat, so bedeutet es auch das zentrale Gespräch mit Lévinas in diesem Band, seine Unschuld und seine Neutralität verloren.

Hans-Werner Zerrahn

Kurzbeschreibung

Elisabeth Weber im Gespräch mit Pierre Vidal-Naquet, Jacques Derrida, Rita Thalmann, Emmanuel Lévinas, Léon Poliakov, Jean-François Lyotard, Luc Rosenzweig.

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