Wie Broder selbst: Man kommt nicht vorbei an seinem Jüdischen Kalender, aber man ärgert sich.
Jedenfalls geht es mir so, der ich mich als jüdischer Biograph professionell mit der Materie nun schon seit Jahren beschäftige und dabei auch den Kalender fleissig nutze.
Mir fällt da gleich der bekannte Spottvers ein, den man über den bedauernswerten Schriftsteller Albert Ehrenstein verbreitete: Hoch schätzt man den Ehrensteinen, nur seine Verse stören einen".
Zunächst einmal gibt es kein vergleichbares Produkt auf dem deutschsprachigen Markt, und der Kalender ist seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten, ein treuer und nicht mehr wegzudenkender Begleiter.
Vom Kalendarium selbst, auf das ich gleich zu sprechen komme, einmal abgesehen, ist insbesondere auch der umfangreiche Anhang ein unverzichtbares, jeweils aktuell gehaltenes Informationskompendium, sowohl der wichtige Adressteil für Deutschland, Österreich und die Schweiz, sodann aber auch für die religiösen oder religiöseren Leute die Angaben von Schabbatzeiten, Angaben zu den Feiertagen, zu den Paraschijot und Haftarot, die Angaben zu einschlägiger Literatur und Websites.
Dass der Hauptteil und der Anhang von einem nicht mehr zu ignorierenden Grundrauschen an mehr oder weniger belästigender, mehr oder weniger intelligenter Werbung begleitet wird, nun, daran hat man sich als ein in Westeuropa lebender und für Werbung weitgehend anästhesierter Mensch schon ein wenig gewöhnt.
Der Hauptteil, das Kalendarium selbst, bringt (biographische) Informationen zu jüdischen Menschen, zur jüdischen Geschichte, zur Nahost-Problematik, zur wirklichen oder gefühlten Political Correctness in diesen Themenfeldern, die immer wieder erfrischend, spannend zu lesen sind und zum Nachdenken anregen.
Dabei gab es eine Zeit lang für erfahrene Leser schon das Gefühl, Themen und Leute wiederholen sich erkennbar - daran wurde aber gearbeitet, immer wieder wird Überraschendes gebracht, Neues auch für "heavy user", die schon viel gesehen und gelesen haben. Und dennoch wird man das Gefühl nicht los, ganze Bereiche der jüdischen Geschichte werden leider komplett ausgeblendet: Die Geschichte oder Vorgeschichte des Zionismus besteht nicht nur aus Herzl und Ben-Gurion. Die an Reichhaltigkeit nicht zu überbietende Welt des so genannten Ostjudentums, die jiddische Kultur und ihre Werke: komplett Fehlanzeige. Jüdische Kultur und Geschichte beginnt auch nicht erst im 18. Jahrhundert: Wo ist das rabbinische Judentum? Tannaim, Amoräer, Geonim? Mischna, Talmud, Midrasch - keine jüdischen Themen? Kein Bestandteil jüdischer Kultur? Nichts Berichtenswertes? Kabbala ist auch nicht Madonna oder Britney Spears, sorry.
Die jüdische Geschichte und Gegenwart ist derart lebendig und unerschöpflich, dass auch in zehn hoch zehn Jahren kein Mangel an Themen sich abzeichnen wird. Und dennoch gibt es auch in anderer Hinsicht gewisse Einseitigkeiten und Schieflagen, die auf Dauer unübersehbar werden: Eigentlich finde ich Broders Arbeit und Wirken sehr heilsam. Dass er aber nicht die Souveränität besitzt, jüdische Leute oder jüdisch-relevante Ereignisse ein wenig objektiver und umfassender darzustellen oder darstellen zu lassen in seinem seit Jahren herausgegebenen Jüdischen Kalender (die angeblich miefig-piefige "Jüdische Allgemeine" ist da schon viel, viel weiter), ist schade und bedauerlich.
Abwehr von antisemitischer Kritik, o. k. Aber Unterdrücken und Ausblenden von weniger angenehmen Facts, bäh! Warum soll man nicht stolz sein auch auf Meyer Lansky, warum nicht einmal auch an Lepkele Buchalter oder David Berkowitz erinnern - keine von uns?
Ein Beispiel von vielen: Fritz Haber (beschrieben 9. Dezember 2008) ist bei ihm nur der Nobelpreisträger und Erfinder der Ammoniak-Synthese, nicht der Führer des Giftgaskrieges, die krankhaft-ehrgeizige, rücksichtslose jüdisch-deutsch-patriotische Witzfigur, ein Unhold, der seine Frau Clara Immerwahr, die es viel eher verdient hätte, dass man ihrer ehrend gedenkt, wie Dreck behandelt und in den Suizid getrieben hat.
Warum bringt Broder in seinem Kalender nicht auch mal berühmt-berüchtigte Juden, die überall schamhaft verschwiegen werden (Namen auf Anfrage). Auch das noch eine Folge des Holocaust, obwohl Broder angeblich schon so chuzpedik-selbstbewusst über Jüdisches redet und so sehr Avantgarde ist: Da ist er gar nicht Avantgarde und zeigt, wie sehr man in Deutschland noch alten Denkweisen verhaftet ist, dass es noch vieler Generationen bedarf, bis man Tabus wirklich hinter sich lässt.
Und noch eine Bemerkung am Rande zur Erklärung des Ärgernisses: Der Jüdische Kalender ist häufig extrem schlampig-schludrig zusammengeschustert. Über weite Strecken enthält fast jeder Eintrag Fehler (falsche Schreibung von Namen, falsche Daten und Fakten und Bewertungen ...), bloss nicht drauf verlassen ...
Und ein Allerletztes, regelmässig für Ärgernis Sorgendes: Gad Granach mag ja ein toller Typ sein, mag ja auch Broders Freund sein - aber ihn deshalb so überproportional zu promoten ..., na ja, kein weiterer Kommentar.
Michael Kühntopf