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Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg: Kriegserfahrungen, weltanschauliche Debatten und kulturelle Neuentwürfe
 
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Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg: Kriegserfahrungen, weltanschauliche Debatten und kulturelle Neuentwürfe [Gebundene Ausgabe]

Ulrich Sieg


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Gebundene Ausgabe, 23. Januar 2001 --  

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Das historische Buch Der Bruch

Eine Studie über jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg

Als nach dem Zweiten Weltkrieg in einem seiner Briefwechsel einmal das Wort von der «deutsch-jüdischen Symbiose» fiel, reagierte Gershom Scholem harsch: Etwas Derartiges habe es nicht gegeben. Versteht man unter Symbiose ein spannungs- und störungsfreies Miteinander, ist das richtig. Soll dagegen nicht mehr damit gemeint sein als ein dauerndes Zusammenleben zu gegenseitigem Nutzen, ist es unzutreffend. Die nichtjüdische Mehrheit in Deutschland hat mit der Emanzipation von 1871 die Existenz einer jüdischen Minderheit anerkannt und sie rechtlich gleichgestellt. Die jüdische Minderheit wiederum hat sich in einem Ausmass mit der deutschen Rechts- und Staatsordnung und nicht zuletzt auch mit der deutschen Kultur identifiziert, dass manche jüdische Publizisten bereits vor dem «Untergang der deutschen Juden» meinten warnen zu müssen (Felix Theilhaber 1911). Um 1900 war, bei allem virulenten Antisemitismus, Deutschland ein Land, in dem viele Juden sich weit sicherer fühlten als etwa im Frankreich der Dreyfus-Affäre oder in Russland mit seinen staatlicherseits geduldeten, wenn nicht gar geförderten Pogromen. Umso dringlicher stellt sich die Frage: Was hat diese Symbiose zerbrechen lassen? Das Buch von Ulrich Sieg lenkt mit Recht die Aufmerksamkeit auf den Ersten Weltkrieg, der in seiner Bedeutung gerade auch für die Beziehungen zwischen nichtjüdischer und jüdischer Bevölkerung in Deutschland bisher stark unterschätzt worden ist. Es zeigt in sorgfältigen Analysen, dass es zwar anfangs gewisse Unterschiede in der Einstellung zum Krieg gab, die auf Seiten der deutschen Juden als geringere Neigung zum Hurrapatriotismus und stärkere Betonung universalistischer Züge beschrieben werden können; dass aber nichtsdestoweniger die Loyalität gross und die Bereitschaft, für die Verteidigung des eigenen Landes mit dem Leben einzustehen, über jeden Zweifel erhaben war. Erst die wachsende Paranoia der Mehrheit, die die schwindenden Chancen auf einen Siegfrieden als Ergebnis der Wirksamkeit eines innerstaatlichen Feindes deutete, bewirkte einen Einschnitt, den man ungefähr auf das Jahr 1916 datieren kann. Der offene Antisemitismus unter vielen preussischen Offizieren, die über die Verringerung ihrer Avancementchancen durch die jüdische Konkurrenz verärgert waren, die infame Konfessionsstatistik vom Oktober 1916, endlich die im April 1918 verhängte Grenzsperre für jüdische Arbeiter aus Polen – dies alles waren Zeichen dafür, dass der Staat seine neutrale Position aufzugeben im Begriff war und sich immer mehr den Forderungen des radikalen Antisemitismus öffnete, die auf eine Rückgängigmachung der Emanzipation zielten. Was dann folgte, lässt sich am besten mit dem von Norbert Elias geprägten Begriff des Doppelbinderprozesses fassen. Auf die Schliessungstendenzen der Mehrheitsgesellschaft antworteten die Angehörigen der Minderheit – nicht alle, aber ein wortmächtiger Teil – ebenfalls mit Schliessung; auf die Ethnisierung des Begriffs der deutschen Nation mit einer, wie Sieg in Analogie zur «Deutschtumsmetaphysik» schreibt: «Judentumsmetaphysik». Das wird an vielen Einzelheiten deutlich wie etwa der Überhöhung des Ostjudentums durch den Zionismus oder an den verschiedenen Debatten, die sich über die Kriegspublizistik Hermann Cohens, Ernst Troeltschs Interpretation des Prophetismus oder Martin Bubers Ethnisierung des Nationalismus entspannen. Auch wenn man einzelnen Urteilen wie dem über Troeltsch nicht immer folgen kann (ist schon «judenfeindlich», wer im Ethos der Propheten keine Vorwegnahme der kantischen Ethik zu erkennen vermag?); auch wenn man darüber hinaus den Umgang mit der Vokabel «völkisch» und insbesondere ihre Übertragung auf den Zionismus als problematisch empfinden mag (ist schon «völkisch», wer Nation von Ethnizität her deutet?), wird man doch zugeben müssen, dass Ulrich Sieg ein bedeutendes Buch gelungen ist, das ein breites Panorama von der liberalen Kriegsapologetik bis hin zum Messianismus und zu den Anfängen jüdischer Existenzphilosophie entfaltet und sowohl die deutsch-jüdische Geistesgeschichte im Allgemeinen als auch die Ideengeschichte der «geistigen Mobilmachung» (Kurt Flasch) im Besonderen um eine wichtige Facette bereichert. Stefan Breuer

Pressestimmen

"Ein wichtiges und gut lesbares Buch" (Andrea Hopp in: HZ 278 (2004))

"This is a work of wideranging research and considerable intellectual depth." (Helmut Walser Smith in: German History 21 (2004))

"Trotz einer immensen Anzahl an Quellen eine überaus anregende, gut lesbare Arbeit." (Claudia Albert in: Germanistik 44 (2003))

"die Habilitationsschrift von Ulrich Sieg, die man getrost einen großen Wurf nennen kann. Philosophen, die sich künftig mit dem Denken während des Ersten Weltkrieges beschäftigen, werden daran zu messen sein, inwiefern sie auf den Sieg Bezug nehmen." (Thomas Meier in: Süddeutsche Zeitung vom 5. 2. 2002)

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