Der Titel ist ein wenig irreführend: Kurt Schubert unternimmt hier nicht den halsbrecherischen Versuch, auf 143 Seiten die Geschichte der Juden quer über alle Zeitalter, Kulturen und Kontinente hinweg vom Auszug aus Ägyptenland bis Ariel Sharon aufzubereiten. Der Kunde des Buchhandels vor Ort ist hier klar im Vorteil, denn der Verfasser macht diese Einschränkung im ersten Satz seines Vorworts deutlich, und hier erklärt er auch gleich, wieso er sich vor allem auf die Sozial- und Religionsgeschichte des mitteleuropäischen Judentums beschränkt und die Kulturgeschichte nur am Rande berührt: Schließlich erscheint Schuberts "Jüdische Geschichte" im Rahmen einer Reihe knapp und übersichtlich gehaltener Einführungen. Enzyklopädische Darstellungen darf man hier nicht erwarten.
Der Buchtitel müsste also korrekt lauten: "Die nachbiblische jüdische Sozial- und Religionsgeschichte in der europäischen Diaspora" -- oder so ähnlich. Aber sogar dieser Titel wäre noch zu vage: Der Schwerpunkt dieser Abhandlung liegt nämlich auf dem Judentum im mittelalterlichen und neuzeitlichen Mitteleuropa. Schon die Geschichte des osteuropäischen Judentums wird nur insofern berücksichtigt, als sie im Zusammenhang mit dem mitteleuropäischen Juden zu sehen ist. Bewusst ausgelassen bzw. nur am Rande gestreift, sofern fürs Verständnis unabdingbar, werden schließlich die Entwicklung des sephardischen Judentums im Vorderen Orient; ganz zu schweigen von Chasarenreich, Äthiopien, Zweistromland, Jemen, China oder Indien einerseits und neuzeitliches Nordamerika und Argentinien andererseits. Ebensowenig findet man hier einen Abriss der Geschichte des Staates Israel.
Relativ ausführlich hingegen widmet Schubert sich dem spanischen Judentum und der Rolle der jüdischen Händler vor den Kreuzzügen, ohne die zu jener Zeit ein kultureller Austausch und Wissenstransfer hauptsächlich vom Orient zum Okzident kaum möglich gewesen wären. Gerade in diesen Kapiteln wird bestenfalls rudimentäres Schulwissen über historische und kulturelle Zusammenhänge kräftig ergänzt. Erstaunlich ist dabei, dass Schubert auf engem Raum ein differenziertes Bild zeichnet. Beispielsweise rückt er en passant die allgegenwärtige Vorstellung über das angeblich paradiesische Zusammenleben von Muslimen und Juden im maurischen Spanien zurecht -- auch hier hat man es nämlich nicht mit dem Inbegriff einer jahrhundertelang konstant toleranten Gesellschaft zu tun, sondern mit einer Gesellschaft, in der nichts so beständig war wie der Wechsel.
Ähnlich verhält es sich mit den relativ knappen, aber umso präziseren Kapiteln zu verschiedenen messianischen Bewegungen und Chassidismus in Osteuropa, deren Einfluss noch heute auf Teile des Judentums nicht zu übersehen ist. Ebenso reduziert Schubert die Entstehung des Zionismus nicht auf die Person Theodor Herzls, sondern weist auf die verschiedenen (meist osteuropäischen) Wurzeln hin. Ursachen und prominenteste Verfechter des "modernen" Antisemitismus werden ähnlich präzise analysiert, jedoch verzichtet Schubert auf eine ausführliche Darstellung des Holocaust; hier verweist er auf die zahlreichen, oft hervorragend recherchierten Standardwerke. Nachvollziehbar -- wer wollte schon unvorstellbares Grauen auf 3 Seiten komprimieren und im nächsten Kapitel wieder zum Tagesgeschäft übergehen.
Den Fokus richtet Schubert auf die Geschichte der Juden in Deutschland und Österreich, und hier streut er immer wieder knappe Beispiele ein, um auch weniger bekannte Sachverhalte zu verdeutlichen. Man erfährt also vieles über die Stellung der Juden im Mittelalter; auch hier zeichnet Schubert ein -- bedenkt man die knappe Seitenzahl -- facettenreiches Bild. Deutlich wird auch, dass und aus welchen verschiedenen Gründen die Kreuzzüge eine üble Zäsur für die Juden in Deutschland bedeuteten; und auch bei den Standard-Themen mittelalterliche Pogrome und Ghettozwang einerseits, andererseits Pfandleiher, Handelshäuser und sog. Hofjuden, geht Schubert über das gemeinhin bekannte hinaus.
Dem knapp bemessenen Raum geschuldet ist vermutlich der etwas trockene Stil des Buches. Redundanzen oder erläuternde/vertiefende Wiederholungen gibt es hier nicht. Die Lektüre erfordert daher mehr Konzentration als ausführlichere populärwissenschaftliche Darstellungen, ist aber nach meinem Eindruck zu bewältigen, wenn man in Geschichte einigermaßen aufgepasst hat.
Ist zum Textverständnis etwas mehr historisches Hintergrundwissen erforderlich, so liefert Schubert seinen Lesern das Nötige in konzentrierter Form mit. Aber auch wenn der Stil meistens trocken daherkommt, so erwähnt Schubert doch die ein oder andere prägnante Episode, die das Geschilderte anschaulich macht und im Gedächtnis bleibt. Die Beispiele sind offensichtlich gut gewählt.
Das Buch soll ausdrücklich das Interesse an der Geschichte der Juden in Deutschland wecken; zum Stillen eventuell geweckten tiefergehenden Interesses gibt es im Anhang eine kurze kommentierte Lektüreliste.
Allerdings bezweifle ich, dass diese "Jüdische Geschichte" vorher nicht vorhandenes Interesse wecken kann, dazu ist der Stil etwas zu akademisch geraten. Das Buch wendet sich eindeutig an Erwachsene. Besteht jedoch beim Leser bereits erstes Interesse, so empfiehlt sich dieses Buch auf jeden Fall, trotz der erwähnten, unvermeidlichen thematischen Einschränkungen.
Da hier allerdings viel Information auf wenig Raum verstaut wurde, könnten sich Leser ohne allzu solide Geschichtskenntnisse überfordert sehen. Im Zweifelsfall führt wieder einmal kein Weg vorbei am "Reinlesen" und Prüfen, ob einem der Stil liegt.