Wenn ein so umstrittener Mensch wie Jörg Haider auf dem Höhepunkt seines politischen Einflusses bei einem Autounfall stirbt, dann steht natürlich sofort die Vermutung eines Anschlags im Raum. Werden dann auch noch Vokabeln wie "sturzbetrunken", "überhöhte Geschwindigkeit" und "Schwulentreff" ins Spiel gebracht, dann kann man durchaus hellhörig werden, denn solche Einstreuungen könnten auch den Zweck haben, vom tatsächlichen Unfallhergang abzulenken und Abläufe zu suggerieren, die so nie stattgefunden haben.
Der Autor hat sich nun nicht ganz uneigennützig auf die Suche nach seiner Version des Unfalls gemacht. Und - um es kurz zu machen - er kommt dabei zu einem ganz anderen Schluss als die offizielle Untersuchung. Wisnewski behauptet, dass Haider als Folge eines Attentats sein Leben verlor.
Nun werden wir als Leser dieses Buches nicht herausfinden können, ob das tatsächlich stimmt. Wir kennen weder alle Tatsachen, noch haben wir genügend Sachverstand, um sie richtig bewerten zu können, würden wir sie denn kennen. Wir können höchstens versuchen die Schlüssigkeit von Argumentationsketten zu bewerten, immer vorausgesetzt, sie beruhen auf Fakten.
Im ersten Teil seines Buches geht Wisnewski auf den Politiker Haider ein. Jörg Haider wurde 1950 in einer nationalsozialistisch eingestellten Familie geboren. Er trat früh in die FPÖ ein und wurde dort von Leuten gefördert, die seine rhetorischen und politischen Fähigkeiten schnell erkannten. Da ein Großonkel ihm eine große Forstwirtschaft vererbte, war er bald ökonomisch unabhängig. Auf den knapp 70 Seiten dieses Teils seines Buches versucht Wisnewski darzustellen, wer Haider war oder besser, wer er nicht war. Diese Abschnitte des Buches sind recht informativ, ein wenig polemisch und von nicht allzu großer Tiefenschärfe. Am Ende bleibt der Eindruck, dass der energiegeladene Haider eine besondere Ausstrahlung besaß, mit der nur wenige Politiker mithalten können. Wenn man Schubladen sucht, in die man ihn stecken kann, dann eignen sich sicher mehr von der rechten Sorte, aber auch einige linke. Als Landespolitiker war Haider in Kärnten geachtet und geschätzt.
Er passte mit seiner Art und seinen Aussagen nicht in die gängige österreichische Politik und war deshalb vielen Leuten ein Dorn im Auge. Sein früher Tod wird einige von ihnen wohl nicht besonders traurig gemacht haben. Und das ist es, was uns der Autor eigentlich sagen will. Es gab seiner Meinung nach ein deutliches Motiv für einen politischen Anschlag. Nach der von den bürgerlichen und rechten Parteien gewonnenen Nationalratswahl stand Österreich im Oktober 2008 angeblich ein politischer Umbruch bevor, der sogar zu einem Bundeskanzler Haider hätte führen können. Insbesondere für die EU wäre das nach Meinung des Autors ein Horrorszenario gewesen. Wisnewski suggeriert also ein Attentat, das von höchsten Kreisen geplant und durchgeführt worden sein soll.
Im zweiten Teil des Buches geht es ausführlich um den Unfall. Zunächst versucht der Autor den Ablauf des Abends zu rekonstruieren. Allerdings will ihm das nicht so recht gelingen, weil verschiedene Leute verschiedene Angaben machen und auf ihnen beharren. So bleibt nach wie vor unklar, wo sich Haider tatsächlich wie lange aufgehalten hat. Haider hatte angeblich bei seinem Tod einen Blutalkoholspiegel von 1,8 Promille. An dieser Stelle beginnt es mysteriös zu werden. Haider war ein sportlicher Mensch, der nie in der Öffentlichkeit trank. Zudem wollte er noch zur seiner Mutter, um deren 90. Geburtstag zu feiern.
Dass Haider im "Stadtkrämer", dem angeblichen "Schwulentreff", war, ist gesichert. Wisnewski bezeichnet diesen Ort als heruntergekommene Kneipe mit einem Publikum, das nicht Haiders Niveau hatte. Ausgerechnet hier soll er einen "Freier" getroffen und mit ihm eine Flasche Wodka geleert haben.
Sehr ausführlich befasst sich Wisnewski mit Haiders Dienst-Phaeton. Er meint herausgefunden zu haben, dass die Spuren am Auto nicht zum Unfallhergang passen. Und tatsächlich erscheint die geknickte B-Säule bei diesem extrem stabilen Auto auf eine erhebliche Krafteinwirkung auf der Fahrerseite hinzuweisen, die beim angeblichen Unfallhergang verwundert. Dass der Schweller darunter riss, ist eine Folge dieses Knicks und deshalb genauso akzeptabel wie der Bruch des Ansaugkrümmers im Motorraum, denn dies ist ein Gussteil. Wisnewski kennt technische Details des Phaetons offenbar nur aus einem Prospekt. Das ist dann doch etwas ernüchternd. Ich hätte mich an seiner Stelle mit Entwicklungsingenieuren von VW unterhalten. Die hätten ihm vielleicht auch die Geschwindigkeitsmessung in diesem allradgetriebenen Fahrzeug besser erklären können und sicher auch die Funktionsweise der Airbags. Wisnewskis Berechnungen zu Haiders tatsächlicher Geschwindigkeit sind mehr als naiv und beruhen auf schwammigen Annahmen. Leider findet der Leser in diesem Buch zwar viele sehr scharfe Fotos von Haiders zertrümmerten Wagen, aber nur ein sehr kleines und unscharfes Bild vom Ort des Geschehens. Schon deshalb konnte ich Wisnewkis Argumentation nicht nachvollziehen.
Neben den Spuren am Auto sind Haiders angebliche Geschwindigkeit, die von VW-Leuten aus dem Speicher des Phaeton herausgelesen wurde, und der Blutalkoholspiegel des Verunglückten erhebliche Gründe, die den Autor an der offiziellen Unfallversion zweifeln lassen. Angeblich befand sich kein Alkohol im Magen Haiders. Wie das sein kann, erklärt Wisnewski über den Fall des ähnlich verunglückten ehemaligen DDR-Fußballspielers Eigendorf, in dem allerdings ebenfalls keine Beweise für eine anale oder anderweitig nicht orale Zuführung von Alkohol und Drogen durch Dunkelmänner vorliegen.
Im dritten Teil seines Buches erklärt uns Wisnewski dann, was seiner Meinung nach wirklich passiert ist. Das will ich hier nicht verraten, um dem Leser die Spannung nicht zu nehmen.
Fazit.
Dieses Buch zu lesen lohnt sich alleine deshalb, weil es verschiedene Versionen des Unfallhergangs und der Ereignisse der letzten Stunden im Leben von Jörg Haider beschreibt. Jedem Interessierten wird auf diese Weise wenigstens in Ansätzen die Möglichkeit geboten, sich eingehend mit diesem Ereignis vertraut zu machen. Obwohl es eine Reihe von Merkwürdigkeiten bei diesem Unfall gibt und obwohl es sich um einen sehr umstrittenen Politiker handelte, wurden die Akten verdächtig schnell geschlossen. Der Autor selbst betont, dass Haiders Tod mit den Mitteln eines Journalisten nicht aufzuklären ist. Dem will ich nicht widersprechen.