Zeit seines Lebens war Jörg Haider eine Projektionsfläche für die verschiedensten Anliegen und das ist er auch nach seinem Tod geblieben. Für die einen der Messias des Dritten Lagers, für die anderen die anderen ein rotes Tuch, nicht zuletzt jedoch vor allem ein politischer Lazarus und legendärer Wendehals, für den Wendungen um 180° in manchen Themenbereichen fast normal erschienen. Mit "Jörg Haider - Mensch, Mythos, Medienstar" versuchen die Autoren Georg Lux, Arno Wiedergut und Uwe Sommersguter durch eine repräsentative Zusammenstellung von Interviews mit politischen und persönlichen Weggefährten, aber auch Konkurrenten Haiders einen Blick hinter den "Mythos Haider" zu werfen, denn (S. 13): "Jeder kannte 'seinen' Haider, aber niemand kannte 'den' Haider. Ein Phänomen, das man in seiner Gesamtheit vielleicht mit Hilfe dieses Buches, vielleicht aber auch nie begreifen kann."
Nun, über die Toten spricht man schlecht, auch wenn es Andreas Mölzer in seinem Beitrag versucht und dabei wirkt als hätte er sich immer wieder krampfhaft unter Kontrolle bringen müssen, um sich nicht im Ton gegenüber dem verblichenen ehemaligen Parteifreund zu vergreifen. Schon erheblich freundlicher klingen da die Worte des ehemaligen Kärnter Landeshauptmanns Christoph Zernatto, der steirischen Landeshauptfrau Waltraud Klasnic, Bundeskanzler Alfred Gusenbauers, Bischof Egon Kapellaris, FPÖ-Chefs Heinz Christian Straches oder auch Peter Ambrozys, die ebenso mit Beiträgen vertreten sind wie Claudia Haider und Ursula Haubner.
Ursprünglich war das vorliegende Werk von den Autoren ja als eine kritischere Analyse von Haiders politischem Wirken gedacht und hätte in etwa 2010 anlässlich Haiders 60. Geburtstags erscheinen sollen. Das Schicksal hat ihnen jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht und herausgekommen ist dabei dieses "Kondolenzbuch des öffentlichen Österreichs". In seiner Gesamtheit ein Werk das also von verschiedensten Zugängen und dennoch einem gemeinsamen durchgehend freundlichen Unterton geprägt ist, was eindeutig als Reminiszenz an Haiders überraschendes Ableben und der beachtlichen medialen wie öffentlichen Anteilnahme zu werten ist. Gerade weil Kritik jedoch weitgehend ausgespart bleibt und die Auswahl der Interviewten das "offizielle Österreich" und Kärnten repräsentiert vielleicht umso bezeichnender für den Mythos Haider und die politische Situation in der Republik. Soll natürlich nicht heißen, dass das Werk als Haider-Devotionale nicht interessant ist, denn die Beiträge zeigen die menschliche Seite dieses Mannes, der Rechtsstaat und staatsvertraglich abgesicherte Minderheitenrechte mit den Füßen trat, genauso wie er die von ihm mitbegründete schwarz-blaue Koalition torpedierte, als man sich ihm nicht mehr hörig erweisen wollte. Selbst im Tod eine ambivalente Persönlichkeit.
Fazit:
Was auch immer Haider war, sein Bild in der Öffentlichkeit gleicht einem Rohrschachtest, daran ändert auch diese Nachruf-Biografie sehr wenig, doch sie gibt einen Blick frei, auf die zahllosen Facetten des Menschen Jörg Haider.