Das Buch ist in seiner Taschenbuchausgabe eine attraktives Produkt. Handlich, gute Aufmachung, sauber gesetzt - so ermüdet das Lesen nicht. Die Bibliographie wirklich zu beurteilen fällt mir schwer. Die osteuropäische Geschichte ist für viele mittel- und westeuropäische HistorikerInnen ein Buch mit mindestens vier Siegeln, und ich gestehe offen ein: Auch ich gehöre zu ihnen. Ich kann nicht beurteilen, inwieweit Merridale die Standardwerke oder die Giftschrankinhalte der osteuropäischen Geschichte nutzt. Wenn man sich aber die westliche militärhistorische Literatur betrachtet, so hat sie eine sehr vernünftige (Bartov, Lynn), manchmal vielleicht etwas angestaubte (Shils/Janowitz) Auswahl getroffen. Angesichts Ihrer akademischen Biograophie und ihrem Hang zur Arbeit mit Primärquellen scheint es auch für HistorikerInnen, die auf dem osteuropäischen Auge blind sind, vertretbar, hier solides Handwerk anzunehmen.
Merridales Buch ist auch in der Übersetzung flüssig und angenehm zu lesen. Gleich zu Beginn ihres Buches führt Sie geschickt vom heutigen Russland über den Heldenkult der Sowjetunion zurück zu dessen Grundlagen im Krieg - und darüber hinaus zu den Wurzeln der Armee jenes Krieges, die in Zarenzeit und Revolution liegen. Ihre Perspektive ist dabei, wie der Titel "Iwans Krieg" andeutet, die "Militärgeschichte von unten". Stabsoffiziere und Politik kommen nur vor, wenn sie direkt in das Leben der einfachen Soldaten und unteren Offiziere eingreifen. Diese Perspektive füllt sie erfolgreich mit Leben - ideen- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte verschmelzen (meist mühelos) mit Alltags- und Militärgeschichte, so dass sich ein sattes erfahrungsgeschichtliches Panorama entwickelt.
Es ist ein Allgemeinplatz, dass die meisten Wehrmachtssoldaten die russische Steppe und ihre Dörfer als unzivilisierten Raum empfanden. Um so logischer erscheint es, dass die durchschnittlichen Rotarmisten exakt die umgekehrte Erfahrung machten: Aus dieser kargen Umgebung kommend, eröffnete die Armee ihnen völlig neue soziale Räume und Handlungsmöglichkeiten und (im späteren Verlauf des Krieges) eine Welt der Beute
Spannend skizziert ist auch die ideologische Prägung der Soldaten dieser Armee. Während die Veteranen der Revolutionszeit, die 1941 noch einmal eingezogen wurden, sich noch daran erinnerten, wie sie weiland mit ihren Offizieren noch jeden Befehl als unverbindlichen Vorschlag diskutierten und einer langen Kultur der Gewalt, der Not und des Krieges entstammten, waren ihre Söhne, die die Masse der Roten Armee 1941-1945 bildeten, ganz anders aufgestellt.
Gerade diese Eingriffe der Politik in das Militär machen aber auch erst die Niederlagen gegen Finnland und (anfangs) gegen Deutschland verständlich. Die allgegenwärtige Anwesenheit der Politruks und politischen Kommissare, der unausgesetzte politische Unterricht, die Überhöhung der korrekten politischen Gesinnung - all dies sollte materielle Mängel kompensieren und verschlimmerte doch nur die Lage, weil die politische Bildung auch noch wertvolle Ausbildungszeit kostete.
Der immer wieder und in vielen verschiedenen Zusammenhängen betonte Einfluss der kommunistischen Ideologie bzw. deren allgegenwärtige Propaganda gleitet dabei keineswegs nicht in anti-kommunistische Tiraden ab. Viel mehr stellt sie nur deutlich heraus, wie sehr durch die Errichtung und den Ausbau eines zutiefst politisch aktiven Systems die dadurch herbeigeführten, tiefgreifenden Veränderungen der Gesellschaft auf die innere Organisation des Militärs durchschlagen und diese zum Zerreißen gespannt wird - und an einigen Stellen über diesen Punkt hinaus.
Sehr kompakt und dadurch beeindruckend beschreibt Merridale den Wandel der Armee Ende 1942. Unausweichlich gemacht durch eine anhaltende Katastrophe ungeahnten Ausmaßes und unterstützt von einem signifikanten Generationenwechsel auf allen Ebenen, nahm das Regime die Welle beim Kamm und unterzog die Armee einem radikalen inneren Wandel, der zu einer deutlichen Steigerung ihres Kampfwertes führte und der in der knappen Formel "Weniger Politik, mehr Militärhandwerk" subsummiert werden kann.
Interessant ist die Einordnung Stalingrads aus Sicht der Roten Armee. Während sich besonders die deutsche Fachwissenschaft allerorten darum bemüht, die historische Bedeutung der Schlacht als Wendepunkt zu relativieren, so erweitert die zeitgenössisch-sowjetische Sicht diese Perspektive um einen wichtige Facette. Hier wurde Stalingrad schon lange vor der eigentlichen Schlacht als "letzte Chance", als "Alles oder nichts"-Situation empfunden. Die vollkommen daniederliegende Moral der Roten Armee, die sich grad erst zaghaft erholte, hätte durch eine Niederlage in Stalingrad durchaus endgültig gebrochen werden können, so schließt Merridale aus den Quellen.
Der Weg von Operation Bagration, dem eigentlichen Initiativewechsel der Ostfront, bis nach Ostpreußen erscheint seltsam kurz - wobei die verwendeten Seitenzahlen durchaus im selben Verhältnis zu den verstrichenen Jahren stehen wie im Rest des Buches davor. Vielleicht kommt einem hier wieder die eigene, eingeschliffene westeuropäische Perspektive in die Quere.
Die Exzesse im Bereich sexueller Gewalt auf dem Gebiet des Deutschen Reiches sind eines der am schwierigsten zu erklärenden Themen der Zeitgeschichte. Auch Merridale gelingt letztlich keine schlüssige Gesamtdarstellung der Kausalitäten - aber das mag ob des Themas auch nicht wirklich zu überraschen. Sie bietet aber ein Panoptikum von Aspekten und Teilerklärungen, welche die Kausalitäten hinter den Exzessen zumindest in Ansätzen erklären.
Große erzählerische Kraft entfaltet Merridale noch einmal im Kapitel über das Kriegsende, die Rückkehr der Veteranen in ihre Familien. Hier schafft sie es, den Leser fast bis in die bäuerliche Kate des typischen Iwans - mit all der Sprachlosigkeit, und Entfremdung, die in diesen Situationen auftritt. Die auf die Rückkehr folgenden und durch sie ausgelösten komplexen politischen und sozialen Prozesse in der Sowjetgesellschaft sind für den Laien der osteuropäischen Geschichte ebenso überraschend wie bedrückend.
Folgerichtig schließt das Buch dann auch mit einem kurzen Kapitel über die offizielle Gedenkkultur der Sowjetunion ab, die konsequent und erfolgreich die Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg monopolisiert, beschitten und auf Linie gebracht hat.
Merridales Buch hat sicher viele Schwächen. Es ist ein globaler Blick auf eine riesige Armee und die dazugehörige Gesellschaft. Dieses Objekt wird noch dazu mit vielen Instrumenten und Perspektiven angegangen. So entsteht manches mal das Gefühl einer Oberflächlichkeit, einer Gehetztheit. Aber das ist eine verzeihliche Sünde. Denn dieses Buch war nötig. Eine gut lesbare Gesamtdarstellung der Roten Armee musste überhaupt erstmal geschrieben werden, und bei solch einem Projekt sind die genannten Schwächen systemimmant und damit lässlich.
Merridales großes Verdienst ist es, den Leser pro Kapitel mindestens einmal mit offenem Mund zurückzulassen.So überraschend, so verblüffend sind manche Zusammenhänge zwischen Politik und Armee, zwischen Stalinismus und Iwans, dass man am Ende des Buches das Gefühl hat, wirklich etwas grundlegend Neues gelernt zu haben. Und das können nicht viele Bücher von sich behaupten.