Ivan Groszny (Originaltitel) ist einer der großartigsten, aber auch komplexesten Filme, die je gedreht wurden. Er polarisiert, denn er ist kein kommerzieller Film, sondern ein rein künstlerisch angelegtes, irrwitziges Experiment, in dem die Bildkomposition, Prokofjews Musik und die exzentrischen Bewegungsmuster des Manierismus' (16. Jhd.) und des von Eisenstein übernommenen japanischen Kabuki Theaters wichtiger sind als eine kontinuierliche Handlung. (Zitat Eisenstein: Wenn ich eine Geschichte erzählen will, dann schreibe ich einen Roman!') Historische Authentizität darf man erst recht nicht erwarten. Für den Film von mir 5 dicke Bewertungssterne.
Zur DVD:
Auf Anfrage zur unbegreiflicherweise fehlenden Farbsequenz in Teil II antwortete der Icestorm Verlag, dass sie den Film in dieser Form vom DDR Kino übernommen hätten. Mit eingekauft hat man damit aber auch die von der Sowjet-Zensur zurechtgebogene ideologische Interpretation des Films, die sich auch in der Synchronisation wiederspiegelt. (Hilmar Thate spricht vor allem den jungen Zaren viel zu diplomatisch und leutselig, was der grimmigen Mimik der Figur oft deutlich widerspricht.) Der von Eisenstein und seinem congenialen Hauptdarsteller Cherkasov ursprünglich machtgeil, rachsüchtig, und paranoid angelegte Zar mutiert in der offiziellen Sowjet-Filmwissenschaft zum heldenhaften Kämpfer, der sich (und seine geistige Gesundheit) opfert zum Wohle des russischen Staates. Eisenstein sollte mit seinem Film Stalin ein Denkmal setzen, tatsächlich ist Ivan Groszny ein Film über Macht, Machthunger und Selbstzerstörung (in einer Reihe zu nennen mit Coppolas Der Pate und Kurosawas Ran) Der interessierte Zuschauer sollte wissen, dass in Teil I die komplette Eingangssequenz über die von Gewalt und Korruption geprägte Kindheit Ivans, die seine spätere Tyrannenherrschaft zu erklären versucht, von der Sowjet-Zensur herausgeschnitten wurde (Ein Schnippsel davon wurde in Teil II als Rückblick integriert.). Teil II, der bis 1958 im Giftschrank des Kremls verschlossen war, ist eine Ruine; es fehlen u.a. Folterszenen, Ivans Angstzustände, Ivans Mord an seinem besten Freund, der menschenverachtende Eid der Oprichniki (Ivans Leibwache bzw. Terrorkommando). Teil III, in dem der Zar laut Eisensteins Aufzeichnungen als vereinsamtes, psychisches Wrack auf den Trümmern seines russischen Reiches geendet hätte, durfte erst gar nicht gedreht werden (allerdings starb Eisenstein auch schon 1948).
Mein Fazit:
Wahrscheinlich wird es nie eine überarbeitete Version nach Eisensteins ursprünglichem Konzept geben, darum ist die Icestorm DVD zumindest besser als gar nichts. (Die westdeutsche Version - mit Farbsequenz! - habe ich zwar irgendwann mal gesehen, kann sie aber aus der Erinnerung nicht beurteilen.) Weitere Punktabzüge gibt's von mir für die im sog. Bonusmaterial enthaltenen Bemerkungen von Prof Franz zur künstlerischen Realisierung des Films, die an Oberflächlichkeit und Banalität ihresgleichen suchen. Wer ernsthaft eintauchen will in die Materie und Englisch nicht scheut, dem sei die DVD Box Eisenstein - the sound years der US amerikanischen Criterion Collection empfohlen. Kostet zwar satte 69 Euro (US DVD Code!), hat aber neben der sprachlichen Originalversion in zudem stark verbesserter Bildqualität eine Fülle von wissenschaftlichem Material und wiedergefundene Filmsequenzen.