Es ist vollkommen berechtigt, Chilly Gonzales ein Genie zu nennen. Denn er beherrscht nicht nur die Kunst des Entertainments auf ganzer Linie, sondern ihm gelingt es auch, Genres zu verbinden ohne dass es konstruiert oder holperig wirkt. Zum Beispiel Dance und Klassik, wie in diesem Fall. Das Ergebniss ist eine Hörerfahrung, die nicht nur in die Beine geht, sondern der man auch still sitzend zuhören kann.
Zugegeben, die Idee das Klavier als dominierendes Element in einer auf die Tanzfläche orientierten Musik zu verwenden hat zwar was, reißt einen in der Theorie aber nicht vom Hocker. Aber da Chilly Gonzales eben ein musikalisches Genie ist, gelingt es ihm, unterstützt vom Produzenten Boys Noize, ein paar härtere Beats einstreut, das ganze so flüssig und mit einer Selbstverständlichkeit zu spielen, als hätte er seinen Lebtag nichts anderes gemacht. Und erschafft dabei seinen ganz eigenen Stil und sein ganz anderes Genre. Das ist tatsächlich die größte Stärke des Albums, es kommt ungezwungen daher, springt einem nicht ins Gesicht, sondern verführt einen.
Auch lyrisch bewegt sich Chilly Gonzales auf einer Ebene, von der andere nur trämen können. Seine Stimme erklingt selten auf diesem Album, aber wenn sie es tut, dann liefert sie uns meist zynische, aber geniale Zeilen, die hier mehr gesprochen als gesungen werden. Es geht um den Groll als Antrieb, um Europa, um die ersten bitteren Tränen und im abschließenden "Never Stop" liefert uns Chilly Gonzales eine Selbstdarstellung und gleichzeitig Entlarvung des Systems, wie sie hinreißender nicht sein könnte.
Selbstverständlich wird Chilly Gonzales auch diesem Stil nicht lange treu bleiben. Aber für dem Moment ist ihm ein beindruckendes Album gelungen. Ein kleines, aber feines Kunstwerk, das ganz besonders Fans von Aufgang empfohlen sei.
Anspieltipps: Knight Moves, I am Europe, Crying, Siren Song