Man kann von keiner Band erwarten, das hohe Level, das die Stones zwischen '68 und '71 mit ihren eher düsteren und bedrohlicheren Alben "Beggars Banquet", "Let it bleed", "Get yer Ya-Ya's out!" und "Sticky Fingers" vorlegten, ewig halten zu können ("Exile on Main Street" nehme ich hier bewusst aus); das wurde ihnen dann auch selber klar, sie schalteten einen Gang runter und verlegten sich ab '73 mit "Goat's Head Soup" mehr aufs Entertainment.
"It's only Rock'n'Roll" markierte '74 mehrere Wendepunkte: es war das erste Stones-Album seit langem, das ganz auf Bläser verzichtete, das erste, das Jagger & Richards als "Glimmer Twins" selbst produzierten, und es war Mick Taylors Ausstand bei den Stones. (Man einigte sich damals für die Presse auf den üblichen Terminus der "künstlerischen Differenzen"; rückblickend scheint jedoch die Tatsache, dass Taylor von Mick und Keith fast nie an den Autorentantiemen beteiligt wurde, ein nicht unwesentlicher Faktor seines Ausstiegs gewesen zu sein.) Nicht zuletzt fand sich hier auch Ronnie Woods Einstand bei den Stones: beim Titelsong war er an den Aufnahmen beteiligt, und sein Autorenbeitrag wird immerhin als "Inspiration" gewürdigt.
Die Zutaten waren ansonsten ähnlich wie beim Vorgänger "Goat's Head Soup", nur dass die Songs eine Idee straffer waren und die Aufnahmen diesmal in München stattfanden; wieder setzten Nicky Hopkins und Billy Preston an den Tasten ihre unverwechselbaren Akzente.
Von den 10 Songs bleiben 4 etwas blass: If you can't rock me scheint noch nicht ganz ausgearbeitet, ein etwas unglücklicher Start für das Album; einer der wenigen Songs, die von der Live-Version auf "Love you live" übertroffen wurden. Von Luxury erschien auf den CBS-CDs Mitte der 80er eine 4:29-Version, auf den '94er und den 2009er Remasters gibt's wieder die 5-Minuten-Version - nicht, dass man den Unterschied ohne Blick aufs Display des CD-Spielers merken würde. Short and Curlies ist ein etwas farbloser Boogie, und das gospelige If you really want to be my Friend dümpelt streckenweise etwas vor sich hin.
Der Rest ist erste Sahne: It's only Rock'n'Roll (But I like it) ist zwar ein etwas altmodischer Rock'n'Roll-Song - aber er macht (wie der Titel schon sagt) einfach Laune (man achte auf die Toms gegen Ende, diesmal von Kenny Jones statt von Charlie Watts gespielt) und ist bis heute fest verankerter Live-Favorit. Obwohl sich die Stones bei Ain't too proud to beg zur Abwechslung ziemlich notengetreu ans Original der Temptations halten, machen sie sich den Song richtig zu eigen; das wäre die bessere Startnummer gewesen! Till the next Goodbye ist eine gefühlvolle Ballade über ein oder mehrere Rendez-vous, und Dance little Sister schiebt einfach gut nach vorne, auch wenn musikalisch nicht allzu viel passiert - die Stones am Kochen!
Time waits for no one besticht besonders durch Mick Taylors elegantes Schlusssolo - ein würdiger Abschied. Am besten gefällt mir das richtig intelligent und dynamisch durcharrangierte Fingerprint File, inhaltlich eine Mischung aus Überwachungsstaat-Fiktion und Agententhriller.
Wie gesagt, "It's only Rock'n'Roll" hat nicht mehr die Tiefe der eingangs erwähnten Alben, aber gute Unterhaltung bietet es allemal, und es bleibt - nach "Sticky Fingers" - mein zweitliebstes Stones-Album der Siebziger.
Die 2009er Remasters sind zwar gestalterisch genauso spartanisch wie ihre Vorgänger, klanglich aber etwas differenzierter und voller ausgefallen als die '94er Remasters (mit denen ich die letzten 15 Jahre aber auch schon gut leben konnte), leider aber auch sehr stark komprimiert.