Der italienische Schriftsteller Italo Svevo (1861 - 1928) gilt als führender italienischer Romanautor des 20. Jahrhunderts. Er war einer der ersten Autoren einer weltliterarischen Modernität und zugleich ein Außenseiter im nationalen literarischen Leben. Mit seinem Pseudonym (eigentlich Aaron Hector Schmitz) wollte er seine italienisch-deutsche Herkunft versinnbildlichen.
Svevo war zwanzig Jahre als Bankbeamter tätig, ehe er 1899 Unternehmer wurde. Nach-dem seine beiden ersten Romane "Ein Leben" (1892) und "Senilita" (1898, dt. "Ein Mann wird älter") von der Kritik überhaupt nicht zur Kenntnis genommen worden waren, unterbrach er für 25 Jahre seine literarische Tätigkeit. Erst durch die Lektüre Freuds und Prousts angeregt, veröffentlichte er den Roman "Zenos Gewissen" (1923), womit er in und außerhalb Italiens sofort bekannt wurde. Fünf Jahre später starb er bei einem Autounfall.
Nun liegen im Diogenes Verlag diese drei großen Lebensromane von Italo Svevo als Taschenbücher in einem Schmuckschober vor. Bereits in seinem umfangreichen Erstlingsroman "Ein Leben", der noch vom Naturalismus beeinflusst war, liegt der Hauptakzent auf der Selbstanalyse des Helden. In der Welt der Angestellten spielt das Schicksal des Bankangestellten Alfonso Nitti, der große Schwierigkeiten mit mechanischen Arbeitsvor-gängen und der Kontrolle seiner Arbeit durch andere hat. Dem großen Pechvogel der italienischen Literaturgeschichte öffnet sich zwar zunächst durch die Literatur der Weg zum Aufstieg, doch nach verheißungsvollem Anfang scheitert er kläglich. Wieder im verhassten Büroalltag gelandet, münden Alfonsos Zwangsvorstellungen schließlich in den Selbstmord.
"Senilita" ist die Geschichte eines amourösen Abenteuers, das der dreißigjährige kaufmännische Angestellte Emilio Brentani ganz bewusst in den Straßen von Triest sucht. Da begegnet ihm die verruchte Angiolina, mit der er ein Verhältnis beginnt. Eigentlich will er eine allzu ernsthafte Beziehung vermeiden, doch dann verfällt Emilio ihrer sinnlichen Anziehungskraft. Bald ist Angiolina diejenige, die in der Beziehung das Sagen hat und sie entlarvt Emilios Doppelmoral. Svevos Roman, der oft mit den großen Werken von Dickens und Tolstoi verglichen wurde, ist ein Schlüsselwerk der Moderne.
Schauplatz von "Zenos Gewissen" ist Svevos Heimatstadt Triest in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Auf Anraten seines Psychoanalytikers hat der 57jährige Zeno Cosini und Ich-Erzähler seine Lebensgeschichte aufgeschrieben. Ähnlich wie Alfonso und Emilio hat Zeno künstlerische Interessen und ist ebenso energielos, im Unterschied zu ihnen jedoch vermögend. Doch Zenos Willensschwäche und Feigheit ruft beim Leser nur Mitleid und Missachtung hervor. Die Geschichte über den Kleinstadtneurotiker Zeno Cosini ist eine grandiose Parodie auf die Psychoanalyse.
Alle drei Romane liegen jetzt bei Diogenes in einer deutschen Neuübersetzung von Barbara Kleiner vor. Außerdem gibt es zu jedem Roman ein Nachwort (bzw. Essay) von Edgar Sallager, Ute Stempel und Wilhelm Genazino.
Manfred Orlick