Auf "It's My Life" spielten Talk Talk noch lupenreinen Synthiepop. Einige Stücke sind hier durchschnittlich, zwei sind sehr gut. Und zwei verdienen sogar das Prädikat hervorragend. "Dum Dum Girl" gehört leider zur ersten Kategorie. Auch wenn Mark Hollis Organ es schafft, jedem Song einen typischem Talk Talk Charme zu verleihen. Trotzdem, das Stück ist eher schlicht und poppig, vor allem im Refrain. "Such A Shame" spielt gleich zwei Ligen höher. Obwohl das Stück ein weltweit großer Hit war, ist er alles andere als trivial. Das Percussion-Intro, welches auf der Singleversion nicht zu hören ist, katapultiert das Stück schon in eine leicht traurig-befremdliche Stimmung. Hollis tiefgründiger Gesang klingt alles andere als nach Gute-Laune-Musik und passt einfach hervorragend zu dieser Art Musik. Nach einer Strophe und einem Refrain kommt ein kurzes, Intermezzo mit intimer Stimmung. Nach der Bridge jubilieren wieder Hollis Gesang und die schönen Synthiemelodien. Das Synthie/Gitarren-Hybridsolo über geschmackvollen Bass und einfach gehaltenem Schlagzeug verstärkt die kuschelig-kitschfreie Stimmung, ehe Strophe und Refrain wieder zu schlagen. Das Langgezogene, obskure Ende ist wieder ein Fingerzeig auf die "Unmainstreamigkeit" von Talk Talk.
Mit "Renée" folgt das erste absolute Highlight. Blubbernde Bässe und Percussions, sowie warme Synthieklänge stellen das Intro dar. Hollis singt deutlich trauriger, als auf den bisherigen Songs. Eine wunderschöne, seltsam verstörte Ballade, bei der die heulenden Keyboards, das melancholische Klavier und Hollis trauriger Gesang hervorragend zusammenpassen.
"It's My Life", welches leider von No Doubt in einer erbärmlichen Version vergewaltigt wurde gehört dann wieder in die Kategorie "sehr gut". Tanzbarer Bass-Rhytmus, sämtliche Synthesizergeräusche und Mark Hollis - gemessen an späteren Veröffentlichungen - ungewöhnlich optimistische, fast schon strahlende Stimme. Die Keyboardmelodie im Chorus ist sehr poppig, aber der Song hat Schwung.
"Tommorow Started" ist dann wieder ähnlich melancholisch wie "Renée", und ebenfalls sehr atmosphärisch. Im ganzen Song merkt man, dass Paul Webbs Bassspiel meistens sehr geschmackvoll ist. Auf London 1986 ist zu hören, dass aus den beiden Ausnahmesongs "Renée" und "Tommorow Started" sogar noch mehr herauszuholen ist.
"The Last Time" ist ein sehr fröhlicher Titel, der auch von jeder anderen Synthiepopband hätte stammen können. Depeche Mode, A Flock Of Seagulls, und sämtliche andere Interpreten wären hier denkbar. Mir macht das Stück aber Spaß und lässt mich mitwippen.
"Call In The Night Boy" gefällt mir nicht besonders, da mir die Melodie einfach nicht zusagt und ich mit dem Song nicht viel anfangen kann. Keyboardspielereien, Bass und Percussion stellen den Auftakt von "Does Caroline Know" dar. Viel mehr als Hollis Gesang gesellt sich nicht dazu. Ein ziemlich minimalistisch gehaltener Titel, aber keineswegs vergleichbar mit dem späteren Minimalismus der Band. "It's You" bildet den Abschluss. Es hätte ähnlich wie "The Last Time" auch von jeder anderen Popband stammen können.
Mit "Renée" und "Tommorow Started" enthält die Platte zwei absolute Spitzenstücke. "It's My Life" und "Such A Shame" sind sehr gut. Der Rest enthält stellenweise gute Idee, wird aber dem späteren ArtPop und Postrock der Band nicht gerecht.
Anspieltip(s): Renée, Tommorow Started
Vergleichbar mit:
Wertung: 8/15
Datum: 15.04.2012