In einer Startauflage von 50.000 Exemplaren ist das sicherlich aufrüttelndste Buch aus der Feder von Hans Küng, einem der weltweit bedeutendsten Theologen und Ökumeniker unserer Zeit, der am 19. März seinen 83. Geburtstag feiert, erschienen. In einem Alter, wo viele Menschen schon fast 20 Jahre ihren Ruhestand genießen, hat Hans Küng als verantwortungsvoller Christ in einer einzig-artigen kirchenhistorischen Systemanalyse ein römisch geprägtes Glaubens- und Herrschaftssystem durchleuchtet und als Buch herausgebracht, das er eigentlich nicht schreiben wollte. Seine Agenda ist ausgefüllt mit vielen wichtigen Projekten, die ihm mehr Freude machen würden, als die Agonie der römisch-katholischen Kirche zu beschreiben.
Hans Küng benutzt in seiner mit enormer Sorgfalt dokumentierten Anamnese einer absolutistisch herrschenden päpstlichen Monarchie in seinen anschaulich formulierten Kapiteln Überschriften wie: "'Von der winterlichen zur kranken Kirche'", '"Fieberschübe'", "'Sieben Reaktionen auf die Kirchenkrankheit'", '"Sterbehilfe oder Reanimation'", "'Wie die offene Wunde heilen?"', "'Virus: kirchliche Wissenschaftsfeindlichkeit'", "'Virus: kirchliche Fortschrittsfeindlichkeit'," '"Virus: kirchliche Demokratiefeindlichkeit'", "'Virus: römisch-katholische Restaurationsbegeisterung"', '"Index der Volksverdummung"', '"Wunder- und Heiligeninflation"', "'Leitbild zur Sanierung der Kirchenleitung"', "'Osteoporose des kirchlichen Systems?"', "'Zwangstherapie erforderlich?'".
In der Einleitung zu seinem Spät-Meisterwerk schreibt Hans Küng:
"'Die Skandale um Sexualmissbrauch im katholischen Klerus sind nur das jüngste Symptom. Sie haben einen solchen Umfang angenommen, dass in jeder anderen Organisation eine intensive Erforschung der Gründe für eine derartige Tragödie eingesetzt hätte. Nicht so in der römischen Kurie und im katholischen Episkopat. Zuerst gestanden sie ihre eigene Mitverantwortung für die systematische Vertuschung dieser Fälle nicht ein. Dann zeigten sie ' von wenigen Ausnahmen abgesehen ' auch kein großes Interesse daran, die tieferen historischen und systemischen Gründe für eine derartig verheerende Fehlentwicklung herauszufinden. Die bedauerliche Uneinsichtigkeit und Reformunwilligkeit der gegen-wärtigen Kirchenleitung zwingt mich dazu, die historische Wahrheit von den christlichen Ursprüngen her gegen all die gängigen Vergesslichkeiten, Verschleierungen und Vertuschungen offen darzustellen... Das Papsttum soll nicht abgeschafft werden, sondern im Sinne eines biblisch orientierten Petrusdienstes erneuert werden. Abgeschafft werden aber soll das mittelalterliche römische Herrschaftssystem.... Meine Fundamentalkritik am römischen System wiegt schwer, und ich muss sie selbstverständlich Punkt für Punkt begründen. Nach bestem Wissen und Gewissen werde ich mich deshalb in diesem Buch um eine ehrliche Diagnose wie um wirksame Therapievorschläge bemühen. Oft eine bittere Medizin, zweifellos, aber eine solche braucht die Kirche, wenn sie überhaupt genesen soll... Von Rom aus wird man erfahrungsgemäß alles tun, um ein derart unbequemes Buch, wenn schon nicht zu verurteilen, so doch möglichst zu ver-schweigen...'"
Hans Küng wird mit diesem Buch erneut zu einer kirchenhistorisch bedeutenden Persönlichkeit, für die jeder nach christlicher Wahrheit Suchende aus tiefstem Herzen dankbar sein muss. Er besitzt einen heroischen Kämpfermut wie einstmals Martin Luther, von dessen Erbe sich leider viele evangelische Kirchenfürsten entfremdet haben und sich inzwischen auf Anbiederungskurs in Richtung Vatikan bewegen. Lutherisch erzogene Bischöfe lassen sich von Papst Benedikt XVI. demütigen, der ihnen ihren Status 'Kirche' aberkannt hat. Und dennoch huldigen sie dem oberbayerischen Glaubensdiktator und lassen sich von seiner Ökumene-Scheinheiligkeit blenden.
Hans Küng beschreibt die tiefste Vertrauenskrise in der katholischen Kirche seit der Reformation, und er nennt die wesentlichen Fakten:
"'Im Zentrum der Krise steht JOSEPH RATZINGER, der gegenwärtige Papst, der zwar aus dem Land der Reformation stammt, aber seit 3 Jahrzehnten im päpstlichen Rom lebt und die Krise verschärft, statt sie zu beheben. Als Papst Benedikt XVI. hat er die große Chance verpasst, das Zweite Vatikanische Konzil mit seinen zukunftsweisenden Impulsen auch im Vatikan zum Kompass der katholischen Kirche zu machen und ihre Reformen mutig voranzutreiben. Im Gegenteil: immer wieder relativiert er die Konzilstexte und interpretiert sie gegen den Geist der Konzilsväter nach rückwärts. Ja, er stellt sich sogar ausdrücklich gegen das Ökumenische Konzil, das nach der christlichen Tradition die oberste Autorität in der katholischen Kirche darstellt:
' Papst Benedikt XVI. hat außerhalb der katholischen Kirche illegal ordinierte Bischöfe der traditionalistischen PIUS-Bruderschaft, die das Konzil in zentralen Punkten ablehnen, ohne Vorbedingungen in die Kirche aufgenommen.
' Er fördert mit allen Mitteln die mittelalterliche Tridentinische Messe und feiert selber die Eucharistiefeier gelegentlich auf Latein mit dem Rücken zum Volk.
' Er schürt ein tiefes Misstrauen gegenüber den evangelischen Kirchen.
' Er hat durch Ernennung antikonziliarer Chefbeamter (Staats-sekretariat, Liturgiekongregation, Bischofskongregation u.a.) und reaktionärer Bischöfe in aller Welt die konzilsfeindlichen Kräfte in der Kirche gestärkt.
' Die modernen Massenmedien (Fernsehen, Internet, YouTube) werden systematisch, professionell für die eigenen Interessen ein-gesetzt. Schaut man auf die großen Massenveranstaltungen, gerade bei Papstreisen, könnte man meinen, es stünde in dieser Kirche alles zum Besten. Aber entscheidend ist die Frage: was ist hier Fassade und was Substanz? Vor Ort sieht es jedenfalls anders aus".
Hans Küng betitelt das 7. Großkapitel seines Buches: 'Das römische System spaltet die eine Christenheit' und schreibt dazu u.a. Folgendes:
' "Über die Jahrhunderte hat sich die Spaltung von Ost- und Westkirche abgezeichnet durch eine wachsende gegenseitige Entfremdung. Diese wurde immer mehr vorangetrieben durch die immer weitere Entfaltung der päpstlichen Autorität, die für die östliche Christenheit im völligen Widerspruch stand zur altkirchlichen, zu ihrer eigenen Tradition.
' Die kulturell-religiösen Unterschiede hätten keineswegs zur Spaltung führen müssen. Für diese sind primär jenes bedrohliche Anwachsen der päpstlichen Macht verantwortlich.
' Eine papstzentrierte Einheitskirche ist bis heute für den ganzen Osten eine inakzeptable Neuerung. Nie hat man dort je päpstliche Decreta und Responsa erbeten. Auch nie für Klöster um die Verleihung einer päpstlichen 'Exemtion' nachgefragt. Weiter nie sich vom Papst ernannte Bischöfe aufdrängen lassen. Und erst recht nie eine absolute und direkte Autorität des römischen Bischofs über alle Bischöfe und Gläubige anerkannt... Aber unermüdlich versuchte Rom mit allen Mitteln seines kanonischen Rechts, seiner Politik und Theologie die alte Kirchenverfassung zu überspielen, den römischen Rechtsprimat über alle Kirchen auch im Osten zu etablieren und eine zentralistische, ganz auf Rom und Papst zugeschnittene Kirchenverfassung durchzusetzen".
Der katholische Priester und Theologe Hans Küng ist wie vor 2.000 Jahren Jesus Christus ein Fels in der Brandung. Er hat sich nicht von der verführerischen Intelligenz des römischen Glaubensimperiums korrumpieren lassen. Sein Buch ist das beredte Zeugnis eines wahrhaftigen Christen, dem jeder nach Gott suchende Mensch vertrauen kann. Dieses Buch gehört auf die Bestsellerlisten ' es wird den Vatikan erneut auf den Prüfstand stellen.
Roland R. Ropers
Religionsphilosoph & Publizist