Naturalistische Fehlschlüsse und kränkelndes Halbwissen beherrschen unser Leben.
"Männer können besser..., weil in der Steinzeit... - Männer, die ..., konnten mehr Nachkommen zeugen und ihre Gene dadurch erhalten." Dieser Satz existiert in tausenden Ratgebern, Zeitungsartikeln, populärwissenschaftlichen, akademischen und sonstigen Studien in allerlei Versionen, ob es um Männer oder um Flöhe geht. Sie setzen voraus, dass
1. Alle Männer (oder Flöhe, was schon minimal plausibler erscheinen würde) gleich sind.
2. Alle Verhaltensweisen neurologisch, die Beschaffenheiten der Gehirne genetisch und die Genome evolutionär bedingt sind.
3. Dass diese Urteile wissenschaftlicher Konsens seien.
Natürlich ist keine dieser drei Bedingungen erfüllt. Wie schon einer der Begründer einer bekannten evolutionsbiologischen Strömung (New Synthesis - bis vor kurzem fast durchgehend gelehrt), Ernst Mayr, in Erinnerung rief: "Biology is not physics." Lebewesen sind keine Maschinen, und der Mensch am allerwenigsten. Denn, wäre der Mensch eine Maschine und das Bewusstsein eine Illusion, wessen Illusion könnte es sein? Die des Gehirns? Kann sich aber ein Gehirn Illusionen machen, dann ist es Person. Ist es aber Person, dann ist es mehr als Materie. Ohne Bewusstsein keine Illusion und ohne Freiheit keine Naturwissenschaft, die Freiheit wegerklären kann.
Nun ja, es ist nicht meine Aufgabe in dieser Rezension, den Materialismus lächerlich zu machen. Worauf ich hinauswill, ist die Notwendigkeit dieses Buches, in dem ein Mediziner, Psychologe und Philosoph dem gewöhnlichen Halbwissen durch ausgeprägte Interdisziplinarität entgegenwirkt. Und das tut Felix Tretter in so klarer Gliederung, dass die Abhandlung bei allem wissenschaftlichen Charakter verständlich bleibt, in etwa wie ein Lehrbuch neue Inhalte begreifbar macht, ohne zum Roman zu werden. Für stark populärwissenschaftlich orientierte Menschen mag es langatmig wirken, aber auch die sollten wissen, dass ihre Persönlichkeit weiterhin existieren darf, ohne von irgendeinem wissenschaftlichen Konsens wegerklärt zu werden.
Die Hauptsache an allem ist das Inter- bzw sogar Transdisziplinäre. Man stellt nämlich immer wieder fest, dass Neurologen häufig erschreckend wenig von Erkenntnissen der Genetik wissen, die später datieren als ihr Diplom, Genetiker von Ökologie, Biologen insgemein von Physik, Naturwissenschaftler insgemein von Erkenntnistheorie und Logik sowie Erkenntnistheoretiker von Neurologie. Als Anhänger eines universalen Bildungsideals finde ich diese aus den USA übernommene Beschränktheit nicht gerade schön, als an Wahrheit interessierter Mensch ausgesprochen traurig und als Liebhaber britischen Humors einfach nur witzig. Das Witzige wäre immerhin positiv, bleibt aber auch erhalten, wenn die gegenwärtige Borniertheit Geschichte ist. Von daher empfehle ich nur dieses Buch als Anregung zu etwas weiterem Schauen.