Als Thilo Sarrazin und sein Buch
Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen Anfang September 2010 in den Massenmedien der Lächerlichkeit preisgegeben werden sollten, redeten alle davon, daß ein IQ 115 gegenüber IQ 100 ja 15 % mehr an Intelligenz bedeuten würde. Keiner der beteiligten Journalisten, Minister und sich betroffen Fühlenden - auch Sarrazin selbst nicht - war in der Lage, mit drei klaren Sätzen diesen Unsinn zu stoppen. Der IQ ist keine und erlaubt keine Prozentangabe! Keiner würde ja sagen, wenn die Temperatur von 0 Grad auf 10 Grad oder von 100 Grad auf 110 gestiegen ist, es sei um 10 % wärmer geworden. Jedoch ließ man in den Talkshows kein einziges Mal einen Fachmann zu Wort kommen, der wirklich etwas vom IQ und der Erblichkeit der Intelligenzunterschiede verstand.
Dieter E. Zimmer wäre der einzige deutsche Journalist gewesen, der - wenn man ihn
denn eingeladen hätte - zu einer wirklich qualifizierten Meinungsäußerung fähig gewesen wäre. Zwischen 1974 und 1998 hatte sich Zimmer in einer ganzen Reihe von Artikel und in einigen Büchern - siehe
Der Mythos der Gleichheit - "mit der allzeit brisanten Frage der Erblichkeit des IQ befaßt", wie er in diesem Buch selbst schreibt (S. 8). Bei seinem langen Kampf um die wissenschaftliche Redlichkeit stand er dabei auf immer einsameren Posten. Seit 1999 hatte er sich nicht mehr zu der Thematik geäußert. Aber die Aufrufe der SPD-Spitze, "Sarrazin wegen seiner Äußerungen zu genetischen Identitäten" aus der Partei auszuschließen, haben Zimmer so aufgebracht, daß er noch einmal zur Feder griff, um elementare wissenschaftliche Tatsachen und Einsichten zu verteidigen.
Das Schwergewicht seines neuen Buches liegt auf der Deutung der Zwillingsstudien, die Prozentanteile von Umwelt- und Genwirkungen liefern, über die sich trefflich streiten läßt. Denn leider tragen Zwillingsuntersuchungen in keiner Weise dazu bei, die Gene zu finden, die zu Intelligenzunterschieden beitragen. Doch sollte und kann man von dem Wissenschaftsjournalisten, Übersetzer und Schriftsteller Zimmer keinen Beitrag über den derzeitigen Stand der Molekulargenetik der Intelligenzunterschiede erwarten.
An zwei Punkten steht Zimmer seinen Mann, gerade und unverbogen, wie er immer war. Auf S. 68 ff. findet man mehrere Tabellen über den Durchschnitts-IQ zahlreicher Berufe und die Streuungen der Werte innerhalb einer Berufsgruppe. Und auf S. 208 die Durchschnitts-IQ zahlreicher Länder, so wie sie sich aus Intelligenztests und den PISA-Untersuchungen ergeben.
Daß IQ-Tests und umgerechnete PISA-Werte fast genau dieselben Werte ergeben, war mir 2002 aufgefallen. Da keine deutschsprachige Psychologie-Zeitschrift damals bereit war, das zu drucken, veröffentlichte ich die Umrechnungsformel und die Tabellen in Englisch auf meiner Homepage und machte mit Emails die Fachwissenschaftler in der gesamten Welt darauf aufmerksam. Richard Lynn, siehe
IQ and Global Inequality, der die PISA-Ergebnisse mit seinem Computer nicht bei der OECD in Paris abrufen konnte, erhielt sie von mir als Anhänge an Emails. Auch wenn man dann selbst nicht als "Entdecker" eines Zusammenhangs gilt, der mir 2000 noch nicht zur Verfügung stand, siehe
Die IQ-Falle. Intelligenz, Sozialstruktur und Politik, freut man sich, wenn er inzwischen weltweit als zutreffend bestätigt wird. Und so auch in Zimmers mutigem und ehrlichem Buch.
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