Rolf Verlegers schmaler Band "Israels Irrweg" ist nicht etwa eine gerade rechtzeitig zum 60sten Jahrestag der Staatsgründung Israels verfaßte Abrechnung des Autors mit der Politik der israelischen Regierung, wie es der Titel eventuell suggerieren könnte, sondern die Publikation ist vielmehr ein sehr engagierter, weil persönlicher Rechenschaftsbericht des in die Schlagzeilen geratenen Lübecker Universitätsprofessors, Neurologen und Präsidiumsmitglieds des Zentralrats der Juden in Deutschland.
Im Juli 2006 kritisierte Verleger in einem "Offenen Brief" die einseitige Parteinahme des Zentralrats für die militärischen Maßnahmen der israelischen Regierung gegen den Libanon, was zur Konsequenz hatte, daß er zwar Präsidiumsmitglied des Zentralrats blieb, aber von seiner jüdischen Gemeinde Schleswig-Holstein als deren Vorsitzender abgelöst wurde.
In einer anschließenden Onlinepetition "Schalom 5767 - Berliner Erklärung" bezeichnete er die seit 1967 andauernde israelische Besetzung palästinensischer Gebiete und die daraus resultierende Entwürdigung und Entrechtung der Palästinenser als Grundübel für den israelisch/ palästinensischen Konflikt. Ziel dieser Petition war es, die deutsche Politik und damit auch die der Europäischen Union zu einem Kurswechsel in deren Verhalten gegenüber Israel zu bewegen, denn, so Verleger "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" sei nicht nur eine christliche Errungenschaft, sondern finde sich auch in der Tora, 3. Buch, Kapitel 19, Vers 18 wieder.
Allerdings, so Verleger, sei das Judentum, seine Heimat, in die Hände von Leuten gefallen, für die Volk und Nation die höchsten Werte seien anstatt Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Daraus ergibt sich für ihn die Frage, ob er "...als stolzer Jude die Schändung des jüdischen Selbstbildes durch die Schamlosigkeiten der israelischen Politik übergehen kann." Seine Antwort lautet folgerichtig, er könne es nicht mehr und er wolle es auch nicht mehr.
Da Verleger hinsichtlich der Wahrnehmung der israelischen Politik sein Judentum - offenbar im Gegensatz zum Zentralrat der Juden in Deutschland - nicht zum Maß aller Dinge macht, sondern seine Gradmesser vielmehr Gerechtigkeit und Nächstenliebe sind, vermittelt er glaubhaft, daß es ihm darauf ankommt, "...das Judentum aus der Geiselnahme durch die völkischen Nationalisten zu befreien und unsere Tradition als eine Religion der Befreiung zur moralischen Erneuerung wieder ans Tageslicht zu bringen."
Daß er sich mit solchen Äußerungen nicht nur Freunde macht, belegt die im Kapitel "Diskussion ist möglich, aber unerwünscht" dokumentierte Email-Diskussion. Sie ist zugleich Beweis dafür, wie weit der Weg noch bis zu einer sachlich geführten Debatte ist. Ein ausgesprochen lesenswertes Buch, das, getragen von einer tiefen Sorge um den Staat Israel, gerade deshalb rechtzeitig zu dessen 60. Jahrestag erscheint.