Die US-Amerikanerin Sarah Glidden hat mit der vorliegenden Graphic Novel ihr Debüt vorgelegt. Sie ist die Autorin und Zeichnerin dieses Buches, in dem sie ihre erste Reise nach Israel beschreibt. Jüdische Autoren haben in der Geschichte des Comics eine grosse Tradition, der bekannteste und erfolgreichste Held jüdischer Künstler dürfte dabei Superman sein. Aber auch Stan Lee hat jüdische Wurzeln und seine Familie kommt aus Osteuropa, genau wie es bei Glidden der Fall ist. Anders als bei den sehr ernsten Werken von Will Eisner und Art Spiegelman bringt Glidden sehr viel Leichtigkeit und eine erfrischende weibliche Note, auch durch die Wasserfarben, in ihre Erzählung ein. Wer Persepolis mag sollte auch dieser Graphic Novel eine Chance geben.
Die deutsche Übersetzung der Graphic Novel stellt die Autorin im Juni in München vor.
Sarah Glidden reiste 2007 im Rahmen einer Birthright-Tour mit anderen Twens nach Israel. Oder nach Palästina. Die kritische Glidden ist völlig überfordert von all den Fragen den dieser uralte Konflikt aufwirft. Birthright-Reisen sind gesponsorte Trips, die die Reisenden nichts kosten. Deshalb befürchtet die junge Künstlerin, dass sie einer Gehirnwäsche unterzogen werden soll und eine treue, unkritische Fürsprecherin des jüdischen Staates werden soll. Stationen wie Jerusalem, Masada, Totes Meer usw. Wer nun ein weiteres Maus erwartet liegt völlig falsch. Das düstere Kapitel wird am Rande thematisiert, im Mittelpunkt aber steht das heutige Israel.
Auch wenn die Graphic Novel der Ligne Claire (Tim & Struppi) verpflichtet ist gibt es mehrere schöne optische Einfälle der Autorin, etwa wenn sie in einem Tagtraum Gericht mit sich selbst hält und abwägt, welche denn nun die einzig wahre Wahrheit über Israel ist. Vielleicht geht es ja gar nicht wirklich um Religion, sondern um Land und Macht?
Für mich zeigt dieses Buch wie eine Reise idealerweise aussehen sollte. Und das nicht etwa weil es ins Heilige Land geht, sondern weil Glidden mit Neugier, kritischem Verstand und offenen Augen all die vielfältigen Eindrücke aufnimmt. Mir persönlich leuchtet es nicht ein, wieso Menschen nach Ägypten reisen und die Pyramiden auslassen, dafür dann nur am Strand liegen und sich am Büffet laben. Nach der Lektüre von Glidden brillantem Debüt mag man Israel zwar noch nicht gänzlich verstanden haben, aber ein gutes Stück weiser als zuvor ist man definitiv.
Es sind sehr viele nachdenklich stimmende Szenen, die nach der Lektüre dieser Graphic Novel im Gedächtnis bleiben. Wofür springst du morgens aus dem Heuhaufen? Das ist eine dieser starken Momente. Die Bildungstouristen bekommen eine Einführung in die mühsame Arbeit der Siedler, die ihr neues Land fruchtbar machten und sich auch damit motivierten, dass sie etwas von echtem Wert und großer Bedeutung schufen.
Fazit? Dazu zitiere ich aus dem Comic: "Seid nicht für Israel! Seid nicht für Palästina! Seid für den Frieden!".
208 Seiten, Hardcover, Farbe, Autorin & Zeichnerin: Sarah Glidden, Übersetzung: Gerlinde Althoff, Extra: Glossar, Bibliographie und Zeitachse des Staates Israel, Vertigo/Panini 2011