Als ich hörte, dass "Isn't Anything?" im Vergleich zu My Bloody Valentines späterem, avantgardistisch-lärmenden Werk „Loveless" ein wahres Juwel an Melodien und Melancholie sei, hatte ich doch so einige Erwartungen an dieses, erstmals im November 1988 erschienene, Werk. Ich wurde schon bei den ersten 10 Sekunden enttäuscht.
Es hat bestimmt 5 - 10 Durchgänge gebraucht, bis ich anfing die etwas schief klingenden, verschrobenen und exzentrischen Songs schätzen zu lernen. Zugegebenermaßen macht es der Gitarrenlärm und häufig auftretende Breaks, in denen der komplette Songs kurzerhand einfach mal eine ganz andere Richtung einschlägt, nicht einfach „Isn't Anything" zu lieben und genießen.
Aber tatsächlich steckt MBVs Erstling voller Melodie und Melancholie, man muss sich nur in den lärmdurchtränkten, vor sich hin wabernden, unberechenbaren Stil von Kevin Shields und Bilinda Butcher reinhören und auch ein kleines Faible für ausgebleichte Fotos, Staub auf Platten, Lärm und Hintergrundrauschen haben.
Denn genauso wirkt „Isn't Anything". So wie ein schönes Landschafts-Polaroid verblasst und einen Rotstich bekommt, verstecken sich hier Melodie und lyrisch Perlen hinter Gitarrenlärm und polternden Drums.
Dabei erzählen Shields und Butcher von naiven Alltagsgeschichten („Soft as Snow but warm Inside"), Liebe („Feed Me with your Kiss") und persönlichen Erlebnissen, bleiben meist aber schüchtern im Hintergrund, scheinen sich sogar fast hinter den Gitarren verstecken zu wollen.
So wie das Album wie ein alter Super-8 Film vor sich hin wabert, zwischendurch auflebt, intensiver wird und wieder ruhiger, traumartiger, nachdenklicher wird nur um kurz darauf wieder eine wunderbar melodiöse Gesangslinie oder eine Lärmwelle auftauchen zu lassen, so nimmt es gegen Ende eine festere, intensivere und deutlichere Gestalt an. Stücke wie „Sueisfune" oder mein absoluter Favorit „Nothing Much to Loose" rocken, gehen nach vorne und injizieren Adrenalin bester Güte, bleiben MBVs Stil dennoch komplett treu und bilden einen schönen Abschluss des Albums.
„Isn't Anything" versteckt zuckersüße Melodien in Gitarrenlärm, ist mal melancholisch mal ausgelassen, mal rockig mal ruhig und traumartig und vor allem eins: Komplex und verschroben. My Bloody Valentines Sound wird nicht jedermanns Sache sein.
Wer aber Imperfektion im Vergleich zur Perfektion überlegen hält, alte knisternde Platten und überbelichtete Super-8 Filme mag, ein wenig Geduld mitbringt und noch ein melodiös rockendes recht dickflüssig durch die Lautsprecher waberndes Album zum Nachdenken und genießen sucht, dem sei Kevin Shields und Bilinda Butchers eigenwilliges Werk nur empfohlen!
Anspieltipps: "Cupid Come", „Sueisfine", "Several Girls Galore" „Nothing Much to Loose"