Der dänische Schriftsteller Poul Vad begibt sich auf Islandreise. Er folgt dabei den Spuren der
Saga von Hrafnkel dem Freysgoden. Diese Geschichte handelt auf blutrünstige Art von Mord, Gericht und Rache. Der Schafhirt Einar wird vom Großbauern Hrafnkel, auf dessen Hof Adalbol er arbeitet, aus nichtigem Anlaß getötet. Thorbjörn, Einars Vater, schwört Rache. Thorbjörns Neffe Sam brennt mit Hilfe der Thjostarssöhne Hrafnkels Tempel nieder und übernimmt sein Anwesen. Im Laufe weniger Jahre schafft sich Hrafnkel allerdings wieder die Position eines großen und mächtigen Häuptlings. Er tötet zuerst Sams Bruder Eyvind. Schlußendlich überfällt er Sam auf Adalbol und nimmt es wieder in Besitz.
Jene Gegend, welche vor ungefähr siebenhundert Jahren von einem anonymen Sagaverfasser beschrieben worden ist, bereist nun Poul Vad mit seinem Landrover, um nach Adalbol zu gelangen. Zu jenem Hof, dessen Besitz und Verlust in der Saga für Macht und Ohnmacht steht. Der also das eigentliche Zentrum der Geschichte darstellt. Der Autor zeichnet mit viel literarischem Gespür und Witz originelle Typen in die karge Landschaft, den Pfarrer Arnor Sigurdsson zum Beispiel, der in seiner frühen Jugend unter starkem Alkoholeinfluß den Kirchturm in Akureyri erklommen hatte und die Glocke läutete, zu einem Zeitpunkt, wo die Glocke zu schweigen hatte, da sie weder zum Gottesdienst rufen mußte und auch nicht zur Warnung vor einer drohenden Feuersbrunst zu erklingen hatte. Adalbol wird von Pall Gislason bewohnt, einem nicht minder ungwöhnlichem Kerl, dessen grosse Leidenschaft seine Bibliothek ist.
Poul Vads Buch ist Reisebericht, Geschichtensammlung, Essayband und Sekundärliteratur. Als Anhang ist die Saga von Hrafnkel dem Freysgoden abgedruckt, was dem Zugang zum Buch natürlich sehr zuträglich ist. --Mike Markart
Pastor als Schürzenjäger
Poul Vad: «Islandreise»
Eine fremdartige Welt, fremdartige Menschen und eine fremdartige Literatur präsentiert uns Poul Vad in seinem Island-Buch. Der dänische Schriftsteller ist der «Hrafnkelssaga» und zugleich der isländischen Mentalität auf der Spur. Er berichtet von seinen Begegnungen, und er interpretiert diese Saga, die im Anhang abgedruckt ist und die (anders als der Klappentext vermutet) zu den bekanntesten Isländersagas gehört. Die Isländersagas handeln von den Taten und Untaten der isländischen Pioniergenerationen. Island wurde erst ab dem Ende des 9. Jahrhunderts besiedelt, und zwar von «Häuptlingen» aus Norwegen. Sie gründeten im Jahre 930 einen Staat, der Gesetze und Gerichte hatte, aber keine Exekutivmacht. Man musste sich sein Recht schon selber nehmen, falls man dazu in der Lage war. Vad nähert sich der Saga in einem seiner Interpretationsversuche denn auch unter dem Blickwinkel des amerikanischen Western an.
Im Landrover fährt der mutige Däne in jene öde ostisländische Gegend, in der die «Hrafnkelssaga» spielt. Auf Adalból, dem einzigen Hof im entlegenen Hrafnkelstal, findet er schliesslich in einem hässlichen Betonschloss, einem zweistöckigen grauen Kasten, den Bauer Páll, der neun Kinder hat und ein fanatischer Büchersammler ist. Und Bauer Páll greift zu einem Buch, das ihm besonders am Herzen liegt, geschrieben von einem Berufskollegen im Nordland, mit einer originellen Interpretation von «Der Seherin Gesicht». Dieser Kollege, berichtet Páll, habe «im Radio mit den gelehrtesten Professoren und Experten diskutiert, und das sei ein Gedankenaustausch zwischen Ebenbürtigen gewesen, der danach zum Gegenstand ernster Erörterungen von Mann zu Mann durch das ganze Land geworden sei». Alle Isländer seien «so etwas wie moderne Phantasten» und «geborene Individualisten», behauptet Vad. Und das sei ihre Stärke. Ihre Neigung, Geschichten zu erzählen, sei gross. Manche der Begegnungen, die Vad schildert, mögen dem unvorbereiteten Leser unglaubwürdig und phantastisch erscheinen, doch könnte wohl jeder Island-Veteran mit ähnlichen Erlebnissen aufwarten.
Besonders angetan haben es dem Dänen die isländischen Pfarrherren. Unter ihnen sind viele eigentümliche und knorrige Persönlichkeiten zu finden, wobei der Ruhm oft auf eine ungewöhnliche Tat zurückzuführen sei, auf eine Lebensgeschichte besonderer Prägung, eine praktische Fertigkeit oder «eine persönliche, seltsame Auffassung der Evangelien oder der Mysterien der christlichen Theologie». Vad schildert einen Besuch bei einem dieser Pastoren, einem landesweit bekannten Schürzenjäger. «Für einen Pfarrer ist das vielleicht eine sonderbare Beschäftigung, aber man sieht das anders im nördlichen Atlantik, wo Vulkane, warme Quellen und eine Natur, die insgesamt Gemüt und Sinnen mit grossartigen Ungereimtheiten zusetzt, zweifellos eine Auffassung vom Menschen fordern, die nicht so genau zwischen gereimt und ungereimt unterscheidet, sondern die Naturkräfte einfach zur Kenntnis nimmt.» Man trinkt Branntwein aus Biergläsern, und schliesslich bekennt der Pfarrer, «dass er sehr oft erwogen habe, zum Islam zu konvertieren. Seine Seele sei ganz und gar mohammedanisch.» Auf die Frage, ob es ihm schwergefallen sei, seine mohammedanische Seele mit der christlichen Pfarrertätigkeit zu vereinbaren, antwortet er, kein Tag sei vergangen, der für ihn nicht eine unsägliche Qual gewesen sei.
Man mag bei dieser Geschichte an die Pastoren von Halldór Laxness denken, an jenen Pfarrer etwa im Roman «Seelsorge am Gletscher», der die Verkündigung eingestellt hat und die Kanzel zu Brennholz macht, oder aber an Thórbergur Thórdarson (18881974), einen bekannten Schriftsteller, der einem dieser famosen Seelenhirten eine mehrbändige Biographie gewidmet hat. Es sei, so meinte Thórdarson, eine «Gnadengabe des Genies, die Dinge zu glauben, von denen es weiss, dass sie Lügen sind».
Vad bringt die isländische Mentalität mit den Eigentümlichkeiten der Natur in Zusammenhang und der «Immoralität» der Sagas, deren Heldengestalten niemals einer moralischen Bewertung, «die zwischen Bösen und Guten unterscheidet», unterworfen würden. Ob da nicht, so fragt man sich unwillkürlich, noch vieles andere anzuführen wäre? Nicht zuletzt der Umstand, dass die Isländer nie eine Armee besassen, dass sie diese «Schule der Nation» nicht kennen, in der anderswo die männliche Jugend zu gehorchen und sich einzufügen lernt.
Was Vad zu berichten weiss, rückt Island in ein fernes, fast exotisches Licht, vieles wirkt auf uns Kontinentaleuropäer absonderlich oder doch merkwürdig. Allerdings, und dies wird fast vergessen, gibt es auch in Island einen Alltag, auch die Originalität hat ihre Kehrseite, und trotz allen Käuzen und Eigentümlichkeiten, auch in Island ist die Macht der sozialen Kontrolle nicht zu unterschätzen. Vad hat sein Buch für ein dänisches Publikum geschrieben, er hat es auf dessen Vorkenntnisse und Vorurteile ausgerichtet, was die Lektüre erschweren mag. Dennoch: Poul Vad besitzt ein feines Sensorium für das spezifisch Isländische, er hat einen trockenen Witz und schreibt staunend, abwägend, räsonierend. Ihm ist ein lesenswertes, ein köstliches Buch gelungen.
Aldo Keel