| |||||||||||||||
![]() Gutschein erhalten
Tauschen Sie jetzt Islandhoch: Tagebruchstücke gegen einen Amazon-Gutschein in Höhe von EUR 1,30 ein - einlösbar für Tausende von Artikeln bei Amazon.de. Entdecken Sie mehr eintauschbare Bücher im Bücher Trade-In Shop. Bitte beachten Sie die Teilnahmebedingungen.
Jetzt für Amazon Student anmelden und um 20% erhöhten Eintauschwert sichern. |
Produktinformation
|
Tags, die Kunden mit diesem Produkt verbinden(Was ist das?)Klicken Sie zum Suchen verwandter Artikel, Diskussionen oder Personen auf ein Tag.
|
Vielleicht sollte man gar nicht zulassen, dass Botaniker sich schreibend und erkundend einer Landschaft nähern, vor allem, wenn es sich dabei um eine solche handelt, wie sie uns Sarah Kirsch mit der isländischen vorstellt: praktisch baumlos, nur von Gräsern und Kräutern überzogen, so karg wie rau. Dann rutschen diese Menschen auf dem regendurchnässten Lavagrund herum, kauern unentwegt am Boden und haben über weite Strecken von Reise und Text nur noch den Kopf für das magere Grün zu ihren Füßen. Empfindungen für das Großartige, das Ganze, für die Totale und die Erhabenheit einer Landschaft, für das Metaphysische von Wettererscheinungen und Himmel, für die Besonderheit und Einmaligkeit eines solchen Reiseerlebnisses wollen sich nicht einstellen.
So bin ich nicht sicher, ob man nach der Lektüre von Sarah Kirschs Tagebuchaufzeichnungen Sympathie für diese merkwürdige Insel - fern im hohen Norden wie im weiten Atlantik - gewinnt oder eine solche für den schmalen Band, für Kirschs ¼uvre überhaupt.
Da sind etwa die Aquarelle, die wie ohne Anfang und Ende, wie eine feuchte Tapete verkleckst hinter dem Text irrlichtern. Sie sind, ohne ihnen zu nahe treten zu wollen, das künstlerische Antinom zu den, na sagen wir mal stillen, harmonischen Prince-of-Wales-Kabinettstückchen dieser Kunstgattung, denen wir vielleicht irgendwo schon einmal begegnet sind. Ob Kirschs Aquarelle dem Text zuspielen wollen, ihn kommentieren, ist nicht zu erschließen. Ein gutes Stück leben sie aus sich selber und wollen sich gegen die Buchstabenordnung vor ihnen durchsetzen. Vielleicht der Grund, warum dem Buch überhaupt die übliche Seitenangabe fehlt.
Das Stenogramm des Textes wartet immer wieder mit abrupten, chamäleonhaften Gedankensprüngen auf, mit einem Hin und Her, Vor und Zurück der Erinnerungen, Einfälle und Assoziationen. Einmal heißt es: „Abends erglühen die Wangen. Wir sind mit Abwaschen dran." Dann mit pubertären Grobheiten, die wir jetzt gar nicht vertragen können, weil uns die Landschaft sensibilisiert hat und diese Dinge uns gegen unsere Absicht von ihr und ihrer autonomen Zeitrechnung wegholen, uns zurück in die platte Gegenwart und unser ruppiges Deutschland schubsen. Grobheiten, die wehtun. „Es ist sehr angenehm und auch verrückt, sich auf dem leeren Ozean Chopinwalzer durch den Schädel zu jagen, ... Eine Leckmichamarschmusik." Welchem stilistischem Trieb geschuldet sind die Einsprengsel in kindlich-putzigem Deutsch, als hätte Tucholskys Claire aus Rheinsberg bei den Textschöpfungen Pate gestanden? Was bedeuten die gelegentlichen Anlehnungen an die Umgangssprache? Da werden Häuser zu Häusgens, Schuhe zu Gebürgsschuhen, der unbestimmte Artikel auf seine einsilbige Kurzform zurückgeführt.
Man wünschte, Sarah Kirsch käme auf Island ein wenig zur Ruhe, zäumte ihren Drang zum verknappten Text, entsagte für einige Momente ihrem inneren Schöpfungswillen und ließe sich auf eine Landschaft ein, die mit ihrer urweltlichen Überformung, ihrer Wildheit wie ihrer Einsamkeit, ihrer Menschenferne etwas wie ein Sich-Einlassen, ein Sich-Hingeben, etwas wie ein episches Begreifen in ihrer Wahrnehmung einfordert; und dafür etwas zu geben hat: innere Einkehr, Kraft zur Sammlung, einen Blick für die Schönheit.
So sind wir dann doch ein wenig enttäuscht, wie ein Mensch, Mitteleuropäer und Kunstschaffender, angesichts der exotischen Natur, der in ihr angesiedelten menschlichen Eigenbrötelei und der permanenten meteorologischen Ausnahmezustände, im Dialog mit den Geo- und Wetterwundern absolut nicht Kopf verliert, sich höchstens einmal selbst bei einem Luftsprung beobachtet oder die Kassenzettel von gestern durchgeht.
Dabei ist der Text bemerkenswert. Immer wieder überraschen Skizzen von geradezu chirurgischer Präzision, atemberaubende Momentaufnahmen und unvergleichliche Wortschöpfungen: „... der Hraunarfoss [recte] robbt sich unterirdisch durch Lavafelder, um sich danach tausendfältig gekämmt öffentlich in die Tiefe zu stürzen." Oder zum wiedergefundenen Paradies auf der Snaefellsnes-Halbinsel: „Grünes Land, bunte Berge, Menschen, die sich auf den Wiesen bewegten, Pferde und Schafe, lärmende Trecker. Wie der Wind in den fruchtbaren Tälern durch die schwarzährigen Seggen oder das Wollgras lief! Und rotgefärbte spitze Vulkane, vielfarbige Schatten und Wolkengestalten. Ufos, Drachen, Palmen, Mäuler und Münder, seltsames Volk." Das ist schon außerordentlich!
Lohnt das Buch? Ja, es lohnt; trotz allem. Trotz der Kleckse und gedanklichen Luftsprünge. Trotz seiner Schroffheiten, und obwohl es so wortkarg daherkommt, den Text vor das Land stellt. Seinen Wert, sein Kraftzentrum und seinen Impetus bezieht es aus der Brechung des Außen, der Natur, der Menschen, der Reiseumstände und ihrer Wahrnehmung am inneren Mechanismus eines Schöpfungsaktes, aus den kurzen geschnitzten und wie Brocken scharfkantiger Lava geformten Sätzen, dem wetterwendischen Wechsel seiner Gedankenführung und Eigenart seiner Gefühlswelt.
Am Ende kriegen wir noch ein wenig Geschmack auf diese Insel, auf ihre eigensinnigen Menschen und nahen, manchmal wie mit den Händen zu greifenden Gletscher. Auf die kalten, überraschenden Regenschauer. Kriegen Lust auf die warmen Quellen. Die atemberaubend klare Luft. Auf die Stahlbläue des Himmels, die beschwingt das trostlose Grau einer endlosen Kette von Regentagen hinter sich lassen kann. Werden neugierig auf Gustav Georg Winkler und sein Island-Buch von 1861, auch wenn der „keinen Blick für das Irre hatte, für das glücklichmachende Licht, die reinen Farben". Kriegen Lust auf Halldor Laxness, seine skurrilen Gedankenwelten und nordischen Verstiegenheiten, seine Nachsicht mit den Menschen, seine kühle Wärme. Die Reise nach Island, in dieser Welt gebucht und mit irgendeiner Airline angetreten, sie verwirklicht mittels eines Jeeps und eines Zelts im Weglosen, senken wir vielleicht tatsächlich den Blick und suchen mit den Augen, was als Kraut am Boden kriecht. Stellen fest, dass vieles von dem Kleinblühenden im schwarzen Lavasand uns schon einmal begegnet ist, hier aber als reinste Apotheose der ungebändigten Natur aufleuchtet, als eine Allegorie auf das Leben. Spüren jetzt dank der permanente Anwesenheit von Luft und Wasser in reinstem Zustand einen unstillbaren Hunger nach dem Licht des Himmels.
im Januar 2003
|
Das Forum zu diesem Produkt
Fragen stellen, Meinungen austauschen, Einblicke gewinnen Aktive Diskussionen in ähnlichen Foren
Kundendiskussionen durchsuchen
|
Ähnliche Foren
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||
|