Tibi meint, daß trotz aller Demokratisierung der Begriff „deutsch" weiterhin ethnisch beladen sei. Deutsch ist man durch Herkunft und Geburt, oder man ist es nicht, so wird Tibi oft entgegenhalten. Ein Türke, der in Deutschland geboren ist und besser Deutsch als Türkisch spricht, ist und bleibt ein Ausländer, bestenfalls einer mit „einem deutschen Paß". Tibi versucht, diesen Auffassungen eine europäische Leitkultur entgegenzusetzen. Er sieht eine derartige Leitkultur als die einzige Möglichkeit an, den muslimischen Zuwanderern eine Bürgeridentität anzubieten. Kommt es nicht zu einem derartigen Angebot, „dann dürfen sich die Deutschen nicht wundern, wenn Teile dieser Migranten von fundamentalistischen Organisationen rekrutiert werden können", meint Tibi. Eine europäische Leitkultur wäre nicht nur ein Schutz für Juden und Fremde, sondern auch für die Deutschen „vor sich selbst". Wichtig dabei wäre, daß die Deutschen sich selbst nicht als ein Sonderfall der Geschichte, sondern als eine ganz normale Nation mit ganz normalen Problemen begreifen müßten. Das deutsche Bürgerverständnis müsse ein europäisches werden, frei von jedem Bezug auf Sprache und Herkunft und ohne jeden unterschwelligen Bezug auf Aussehen oder gar Rasse. Schluß mit der neurotischen Nation, fordert Tibi. Wenn parallel zu einem Paß keine entsprechende kulturelle Identität als Gefühl der Zugehörigkeit vermittel wird, ist eine Integration der Zuwanderer nicht möglich, schlußfolgert Tibi. Wenn man ihm bis zu diesem Punkte in seinen Argumenten gefolgt ist, stellt man als naiver Leser die Frage, in welcher Schulsprache die europäische Identität vermittelt werden soll. Denn nur ein sehr intelligenter Teil der Menschen ist in der Lage, sich in einer mehrsprachigen Welt wohlzufühlen. Was ist mit den anderen? Der Zentralrat der Muslime z.B. lehnt das Konzept eines Euroislam als Leitkultur für islamische Einwanderer entschieden ab, schreibt Tibi selbst.