Das Buch ist absolut lesenswert- aber auch erschreckend, denn die in dem Buch thematisierte- und die um die Publikation aufscheinende Problematik ist in einer Art und Tiefe im Herz der Gesellschaft verankert, die entsetzen kann.
Im Grund könnte man das Vorwort und die Einführung von Wolfgang Benz auch als Nachwort und gleichzeitiges Präludium für die anschliessend erfolgende Eskalation des Diskurses sehen.
Für mich ist das Argumentationsfeld der Autoren innerhalb des Buches schlüssig und seriös wissenschaftlich.
Einen sehr wichtigen Aspekt beleuchtet der Aufsatz um den "Experten" der eben ausserhalb wissenschaftlicher Kriterien populistisch breitenwirksam Positionen einbringt und in Foren verfestigt, die eigentlich im Herzen der Gesellschaft verortet sind. Das Beispiel von Raddatz ist gut gewählt- im Bereich des Antisemitismus gibt es ähnliche Experten- mit ähnlichen, aber auch mit - zu untersuchenden- abweichenden Funktionen.
Die entlastende Funktion dieser "Experten" wäre ein eigenes Forschungsthema, denn es ist erstaunlich wie über diesen Weg Positionen in den Diskurs geraten, die man bei nüchterner Betrachtung entweder dem extremistischen Rand zuordnen- oder generell als unwissenschaftlich marginalisieren würde.
Die Chiffren dieser Positionen überhaupt zu hinterfragen ist ein wesentliches Anliegen des Buches- und es ist nachvollziehbar, dass gerade dies eine so heftige Gegenreaktion ausgelöst hat- denn hier werden nicht Positionen einer extremen Minderheit beschrieben, sondern verfestigte- und gefährliche - Vorurteile und Mechanismen von hoher Verbreitung. Diese Verfestigung und ihre Verteidigung läßt sich analog durchaus im Feld des Antisemitismus und in der Islamfeindschaft feststellen, und der Cross-Over zwischen Anti- und Philosemitismus hat entsprechende Gegenstücke in dem Konfliktfeld des Diskurses um den Islam- mit entsprechenden Ausnahmen.
Gerade dieser Punkt der Ausnahmen wurde im Diskurs um das Buch sehr häufig übersehen, denn neben den - besorgniserregenden - Analogien gibt es auch gravierende- und in der Publikation dargestellte- Unterschiede.
So kann eine "philo-islamische" Position durchaus eine andere Funktion bedienen als eine philosemitische- und im Kontext des Schuldkomplexes gegenüber Juden zwar ebenso schuldentlastend wirken, aber diese Wirkung kann in einer komplexen Verschränkung in massiver Form Antisemitismen so installieren, dass sie als "Gutmenschenposition" doppelten Schaden anrichtet- und ohne Widerstand ins Herz der Gesellschaft wandert. Hierzu ist der letzte Aufsatz des Buches von Benz lesenswert (Stereotype und Verschwörungstheorien- Antizionismus als islamischer (islamistischer ) Antisemitismus.) Er schildert am Ende ein folgenschweres Beispiel: Das Buch "Die Sprechenden Steine" von Abdel Qadir. Dieses Beispiel zeigt deutlich, wie eigentlich feste Positionen wie das Nein zu Folter und zum Einsatz von Kindern in militärisch- politischen Konflikten durch diesen Cross-Over ausgehebelt- und in Schulhöfe und Klassenzimmer produziert werden können. Die antisemitischen Motive des Buches sind durchaus mit einer der Inkunabeln des Antisemitismus von Eisenmenger vergleichbar- und der Kreis der Promoter des Buches- das wegen dieser antisemitischen Funktion aus dem Verlagsprogramm genommen wurde- ist beachtlich. Beachtlich war, dass dieses Buch als Friedensbuch propagiert und eingeführt war. Beachtlich waren auch die Mittel die von Promotern dieses Buches gegen die Initiatoren der wissenschaftlich begründeten Entnahme im Anschluss eingesetzt wurden.
Dazu - und zu dem Diskurs über die Thematik überhaupt, findet sich im Artikel von Sabine Schiffer (S.42) eine gute Beobachtung:" Wie Hannelore Noack in ihrem Buch "Unbelehrbar?" aufzeigt, blieben die Argumente der Judenhasser auch nach deren Widerlegung mit teils juristisch durchschlagendem Erfolg virulent und existieren auch heute noch. Sowohl die guten Analysen als auch die Apologie waren nicht erfolgreich und hier stellt sich die Frage für das Zentrum und andere Vorurteilsforscher, ob und welche Möglichkeiten der Überwindung es gibt."
Das Problem liegt nicht nur in der gesellschaftlichen Zentralität, sondern es macht eben auch einen Unterschied aus, ob irgendeine extreme Randfigur angegriffen wird, oder ein Leiter einer Gedenkstätte, der Leiter einer Bibliothek, der Leiter eines politischen Referates einer Bildungsstelle oder ein bekannter Publizist- und wenn die Welterklärungsmuster eines solchen Kreises zur Diskussion stehen. In der Verbindung mit der affektiven Motorik des Komplexes in der Gesellschaft ist die Diskussion um das Buch und die Positionen der TU zu verstehen.
Für mich ist die Lektüre des Buches ein regelrechtes Muss und ich verfolge mit Spannung den weiteren Kurs des Forschungsbereiches an der TU.