Kurzbeschreibung
Mit seinem allumfassenden Interesse an plastischem Gestalten schuf der Bildhauer Isamu Noguchi (1904-1988) nicht allein Skulpturen sondern auch Bühnenbilder, Leuchten, Möbel, Gärten und öffentliche Plätze. Das Vitra Design Museum widmet dem Multitalent nun in Zusammenarbeit mit der Isamu Noguchi Foundation, New York, die erste große Solo-Ausstellung in Europa, inszeniert von Robert Wilson. Die zur Zeit im Design Museum London gezeigte Wanderausstellung wird vom 8. Dezember, 2001 bis zum 21. April, 2002 in Weil am Rhein präsentiert. Als weitere Ausstellungsorte folgen das Museo Nacional Centro d'Arte Reina Sofia, das Maison de la Culture du Japon, die Kunsthal Rotterdam, das Museum für Angewandte Kunst in Köln und das Vitra Design Museum Berlin. Zur Ausstellung erscheint ein 320 Seiten starker Katalog in deutscher und englischer Ausgabe, mit ca. 160, zur Hälfte farbigen Illustrationen. Sieben Autoren stellen darin Noguchis Werk und Biographie ausführlich vor und zeigen dabei selbst Kennern zahlreiche neue Aspekte seines Schaffens auf. Ein hier erstmals publizierter Aufsatz von Noguchi selbst sowie eine schriftliche Laudatio seines Mentors R. Buckminster Fuller (1960) komplettieren das Bild. Die außergewöhnliche Ausstellungsinszenierung von Robert Wilson findet sich mit einer eigenen Fotostrecke dokumentiert. In seinem begleitenden Beitrag verdeutlicht der international tätige Regisseur und Choreograph sein ganz persönliches Interesse an Noguchis grenzüberschreitendem Werk. Dank einer illustrierten Biographie und eines Index bietet sich der Katalog schließlich auch als Nachschlagwerk an. Mit einem Guggenheimstipendium versehen reiste Noguchi 1927 nach Paris, wo er ein halbes Jahr im Atelier Constantin Brancusis arbeitete. Eine prägende Erfahrung für den 23jährigen, deren Auswirkungen Anna C. Chave in ihrem Essay erstmals näher untersucht. Dabei stößt die Brancusiexpertin auf interessante Verbindungen in den Biographien beider Künstler sowie auf verblüffende formale und konzeptionelle Parallelen in ihren Werken. Chave zeigt jedoch auch, wie es Noguchi gelang, sich von seinem Vorbild zu lösen und neue, eigene Wege zu beschreiten. Nach seiner Rückkehr aus Paris und einem längeren Asienaufenthalt verbrachte Noguchi die 30er Jahre überwiegend in New York. Ingrid Schaffner und Donna Ghelerter richten ihren Blick auf jene Zeit der amerikanischen Depression, in der sich der Bildhauer seinen Lebensunterhalt mit Portraitbüsten von Freunden und wohlhabenden Mäzenen verdiente. Ausgehend von diesen Portraits beschreiben die Autorinnen das faszinierende kreative und intellektuelle Umfeld, in dem sich Noguchi bewegte und in dem sich Künstler und Gestalter in regem Austausch miteinander befanden. Im Mittelpunkt steht dabei die Galerie von Julien Levy, der neben Noguchis Arbeiten auch die von Künstlern wie Berenice Abbott, Frida Kahlo oder Alexander Calder ausstellte. Bruce Altshulers Essay widmet sich den Interieurs Noguchis sowie seinen Produktentwürfen. Eine zentrale Rolle spielen dabei natürlich seine Möbel, wie der Coffee Table oder der Rocking Stool, die er in den 40er und 50er Jahren gestaltete und bei renommierten Firmen wie Hermann Miller und Knoll zur Serienproduktion brachte. Auch die Entstehungs- und Erfolgsgeschichte der Akarileuchten zeichnet der Noguchikenner anschaulich nach. Dabei ordnet Altshuler Noguchis Produkt- und Interiordesign schlüssig in dessen künstlerisches Gesamtkonzept ein. Spätestens seit der Fertigstellung des UNESCO Gartens in Paris 1956-58 nahm die Landschafts- und Platzgestaltung in Noguchis Schaffen immer mehr Raum ein. Diesen Dialog mit der Natur untersucht Il Kim anhand einiger exemplarischer Projekte, wobei er sein Augenmerk insbesondere auf westliche und östliche Kultureinflüsse richtet, die die Arbeit des Pendlers zwischen beiden Welten prägten. Einen weiteren markanten Aspekt in Noguchis Werk bildet die enorme Vielfalt an Materialien, mit denen er arbeitete und denen er eine Form zu geben verstand: Marmor, Granit, Alabaster, Bronze, Ton, Stahl, Aluminium, Holz oder Erde. Bert Winther-Tamaki unternimmt nicht nur eine ästhetische Analyse dieser Werkstoffe sondern leistet auch deren ikonographische Deutung. Ähnlich wie Kim geht es ihm dabei nicht zuletzt um die kulturspezifischen Bezüge, die Noguchi mit seinen Arbeiten in den USA, in Europa und in Japan aufgriff. Der persönliche Rückblick Shoji Sadaos, der als Architekt viele Projekte Noguchis realisieren half, liefert anhand der Beschreibung gemeinsamer Projekte interessante Einblicke in die Denk- und die Arbeitsweise Noguchis. Zugleich bietet der Bericht des heutigen Direktors der Isamu Noguchi Foundation in New York jedoch auch, quasi exemplarisch, Aufschlüsse über Noguchis Zusammenarbeit mit Architekten generell. Die eigens für den Katalog verfaßten Beiträge ergänzen zwei historische Aufsätze. In "Sculpture as Invention" kommt Noguchi selbst zu Wort und läßt seine Arbeit als Gestalter Revue passieren, die er als selbstverständlichen Teil seiner bildhauerischen Arbeit begreift. Mit dem Ingenieur und Visionär R. Buckminster Fuller, dessen Essay Noguchi gekürzt als Vorwort zu seiner Autobiographie verwendete, verband ihn eine langjährige Freundschaft. Der hier vollständig wiederabgedruckte Aufsatz dokumentiert den intensiven intellektuellen Austausch der beiden Nonkonformisten, die den Wunsch teilten, mit ihrer Arbeit das tägliche Leben zu bereichern.
Über den Autor
Robert Wilson wurde 1957 geboren. Nach seinem Studium an der Universität von Oxford arbeitete er unter anderem in der Schifffahrt und in der Werbung. Er bereiste Asien und Afrika und lebte zeitweise in Griechenland und Westafrika. Zusammen mit seiner Frau bewohnt er zurzeit ein einsam gelegenen Bauernhaus in Portugal. Für "Tod in Lissabon", seinen fünften Roman, wurde er mit dem Golden Dagger Award ausgezeichnet.