Meine Meinung über "Isaacs Sturm" ist ein wenig zwiegespalten. Einerseits versteht Larson es meisterhaft die wissenschaftliche Mentalität zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit ihrer unglaublichen Hybris und ihrem Machbarkeits- bzw. Kontrollwahn wiederauferstehen zu lassen, doch andererseits kommen dabei zum Teil die handelnden Charaktere zu kurz. Man bekommt zwar einen Einblick in die groben biographischen Daten und beruflichen Wege der Hauptpersonen, aber dennoch bleiben sie einem zum Teil seltsam fremd, da Larson sich nur und ausschließlich auf überlieferte Fakten konzentriert und jede darüber hinaus gehende Spekulation ablehnt bzw. als solche kennzeichnet. Die menschliche Katastrophe hinter den Ereignissen wird so höchstens angeschnitten.
Für ein Sachbuch ist diese Vorgehensweise zwar durchaus lobenswert, doch dann hätte der Verlag sich darüber hinaus an andere wissenschaftliche Konventionen halten sollen. Mir ist z.B. erst in der Mitte des Buches überhaupt aufgefallen, dass es einen extensiven Anhang mit Endnoten gibt, auf die allerdings im Text ärgerlicherweise nirgends hingewiesen wird.
Darüber hinaus verlieren besonders die Beschreibungen der sich zuspitzenden Wetterlage und der Auswirkungen des Sturms viel von ihrer Kraft, da sowohl Skizzen und Schaubilder als auch Fotos weitgehend fehlen, obwohl diese zuhauf im Internet zu finden sind. In dieser Hinsicht ist Larson's "Der Teufel von Chicago" deutlich besser gelungen.
Mein letzter kleinerer Kritikpunkt bezieht sich auf Larson's Themenauswahl. So interessant die Zeit des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts auch ist, scheint Larson sich im Endeffekt immer mit denselben Phänomenen, sprich: Machbarkeitswahn und Hybris, zu beschäftigen. Im ersten Buch wirkt das noch originell und aufschlussreich, aber bereits nach dem zweiten habe ich das Gefühl, dass Larson mir nun keine wirklich neuen Erkenntnisse mehr vermitteln kann - egal welches Thema er beim nächsten Mal behandelt.