Aus Interviews mit Polly Jean Harvey kann man erfahren, dass sie Mitte bis Ende der 1990er Jahre durch eine schwere Krise ging. Der plötzliche Ruhm und die ständigen Tourneen forderten ihren Tribut. Sie machte eine Zeit großer Selbstzweifel durch, die bis hin zu "selbstzerstörerischem Verhalten" ging.
Während dieser Zeit entstand "Is This Desire", und man kann es hören. Dies ist das Werk einer Frau, die in den Abgrund blickt. Gut für uns (und wahrscheinlich für sie), dass sie diese Krise so meisterhaft kreativ umsetzen konnte. Gegenüber ihren Vorgängeralben ist eine beeindruckende Entwicklung zu erkennen. Waren Songs und Klangbild vor allem bei "Rid of me" noch recht stereotyp und berechenbar, so konnte sich PJ hier anscheinend von sämtlichen Konventionen und Selbstbeschränkungen lösen und ein brilliantes Meisterwerk schaffen, voll von düsterer Energie, überraschend wechselnden Stimmungen und brillianten musikalischen Wendungen. Das Werk einer Frau, die, wie es scheint, außer ihrer Kreativität nichts mehr zu verlieren hat.
Welche Rolle dieses Album beim Aufbereiten ihrer Krise gespielt haben mag, hört man im Kontrast zur Nachfolgeplatte. "Stories From the City..." ist ebenfalls hervorragend, beide gemeinsam stellen für mich den Höhepunkt ihres Schaffens dar. Es ist im Charakter ganz anders: homogener, gereifter und abgeklärter. Trotzdem ist "Is This Desire" mein besonderer Liebling, da ich die unbändigen Energien dieser Dämonen mag, von denen diese zierliche Person offensichtlich während dieser Zeit besessen war. Und deren Energie sie letztlich doch bändigen konnte, um sie uns hier in handlichen Päckchen die Wirbelsäule rauf und runter zu jagen.