Zugegeben, als Physiker kostet es eine gewisse Überwindung, einen solchen Titel mit kontroversen Thesen eines weithin unbekannten Autors nicht gleich wegzuklicken. Und doch handelt es sich insgesamt um ein ernstzunehmendes und lesenswertes Buch.
Zwar würde ich es nicht gerade einem Lernenden als Einstieg empfehlen, obwohl zum Beispiel die Herleitung der Zeitdilatation oder das Myonenexperiment (S. 34) durchaus korrekt dargestellt sind - letztlich eignen sich für diese Zielgruppe Bücher wie das
Kleine 1x1 der Relativitätstheorie sicher besser. Obwohl durchaus mit Sachkenntnis und Belesenheit, verbeißt sich Scheunemann zum Beispiel zu sehr in die Diskussion des Zwillingsparadoxons, die ich auch im Ergebnis nicht ganz nachvollziehen kann. Anstrengend macht hier das Lesen auch, dass er bis zu zehnmal pro Seite Literaturstellen mit einem doppelten Ausrufezeichen kommentiert, und dies auch noch in pflichtschuldiger Lektorenart mit seinen Initialen versieht - aber zur Sache: immerhin sind seine Argumente teilweise nicht uninteressant.
Das Problem der heutigen Physik ist schließlich nicht, dass ein paar Querdenker die Relativitätstheorien im Übermaß anzweifeln, sondern dass eine Monokultur der Forschung die allgemeine Relativitätstheorie unter Denkmalschutz stellt, obwohl die Reparatur der Widersprüchlichkeiten mit den neuen Konzepten der Dunklen Materie und Dunklen Energie mehr schlecht als recht gelingt. Erwin Schrödinger hätte wohl hier gesagt: Ist das Problem erst durch eine Ausrede beseitigt, entfällt auch die Notwendigkeit, darüber nachzudenken.
Scheunemann denkt ungeniert nach, belesen, wenn auch nicht immer ganz fundiert, aber manchmal erstaunlich tiefsinnig. Bezeichnend finde ich zum Beispiel, dass Scheunemann einen ziemlich eigenwilligen und heute unbeachteten Gedanken aus der Doktorarbeit von Louis Victor de Broglie aufgreift (S. 106) - ohne dass er sich dessen bewusst ist, und ohne die Konsequenzen, die de Broglie später den Nobelpreis eintrugen, aber immerhin. So dumm ist die Herangehensweise dieses Hamburger Sozialwissenschaftlers nicht.
Dass er als solcher seine eigene Meinung vertritt und sich im Internet den Geschreireflexen von manchen selbsternannten Hütern der Wissenschaft aussetzt, verdient eher Respekt als Herablassung. Es ist schon bizarr, welche Reaktionen eine vielleicht nicht überall korrekte, aber doch nicht unsinnige Kritik an Einsteins Theorien hervorruft, wenn man gleichzeitig sieht, wie widerspruchslos in fast allen populärwissenschaftlichen Büchern die Absurditäten etwa der kosmischen Inflationstheorie nachgebetet werden, die mit ihrer Extrapolation über fünfzig Größenordnungen zurück zu den Sekundenbruchteilen nach dem Urknall jeder wissenschaftlichen Methode Hohn spricht.
So kann dieses Buch, ironischerweise und vom Autor wohl kaum gedacht, auch Anlass einer soziologischen Reflexion über Meinungsbildung in den Naturwissenschaften sein - gerade heute ein unterschätztes Thema, zu dem zum Beispiel Andrew Pickering mit
Constructing Quarks, Harry Collins mit
Gravity's Shadow und Peter Galison
How Experiments End wertvolle Beiträge geliefert haben.
Für Naturwissenschaftler ohne Scheuklappen eine anregende Lektüre.