Luc Bürgin listet nicht nur wissenschaftliche Fehlurteile und Irrtümer auf, sondern er kritisiert die Wissenschaft als Ganzes, ihre Methodik sozusagen. Und tatsächlich steht es um die Wissenschaften heutzutage schlecht, sehr schlecht sogar. So unterliegen einige Disziplinen sehr stark wirtschaftlichen Interessen, während sich andere durch selbst auferlegte Dogmen quasi handlungsunfähig gemacht haben. Da darf es dann nicht wundern, wenn etwa die Biologie die gesamte Evolution des Lebens auf die Gene zurückführt und jeden davon abweichenden Gedanken als Lamarckismus diskreditiert, während umgekehrt in der Soziologie praktisch jedes biologische Argument als Biologismus gilt, der aber abzulehnen ist, da sich der Mensch längst aus der biologischen Evolution verabschiedet habe. Wie so etwas möglich sein soll - und wie man das so ganz ohne biologisches Fachwissen überhaupt beurteilen will - bleibt das Geheimnis der die Thesen vertretenden Forscher.
Einige Rezensenten haben bemängelt, der Autor habe die wissenschaftliche Methode nicht richtig verstanden. Es sei geradezu das Prinzip der Wissenschaften, zunächst einmal skeptisch gegenüber neuen Theorien zu sein. Nur weil etwas neu und gewagt sei, müsse es keineswegs auf baldige Akzeptanz stoßen. Das ist zwar richtig, doch dann sei auch die Frage erlaubt, warum so bemerkenswert viele unsinnige Theorien auf so viel Resonanz innerhalb der Wissenschaften stoßen. Hier könnte sich der Verdacht aufdrängen, dass manche Theorien in den jeweiligen Fachdisziplinen nur deshalb auf breite Akzeptanz stoßen, weil sie bestimmten Interessen genügen, und ihre Richtigkeit folglich gern gesehen wird.
Das Argument der Rezensenten ist aber noch aus einem anderen Grund problematisch: Manche Theorien werden nämlich keineswegs erst nach ihrer Veröffentlichung im wissenschaftlichen Diskurs abgelehnt, sondern bereits vorher. Für sie hält die Wissenschaft eine ganz besondere Wunderwaffe bereit: Die Nichtveröffentlichung. Beispielsweise konnte
Amotz Zahavi seine bahnbrechenden Erkenntnisse zur biologischen Handicap-Theorie nur deshalb jahrelang nicht in den renommierten Fachzeitschriften unterbringen, weil anderen diese Theorie ganz und gar nicht behagte. Ein ähnlich gelagerter, jedoch geradezu empörender Fall ist
hier (siehe Diskussionsthread Sexualität) nachzulesen.
Man fragt sich unwillkürlich: Warum ist das so? Stimmt irgendetwas mit der wissenschaftlichen Methode nicht, oder wo liegt das Problem.
Eine recht plausible Antwort findet sich in
Evolution, Zivilisation und Verschwendung: Über den Ursprung von Allem. Gemäß Mersch basiert der Selektionsprozess in den Wissenschaften auf der Gefallen-wollen-Kommunikation, genauso wie in Pfauenpopulationen, auf modernen Märkten oder bei politischen Wahlen. Doch anders als in den gerade genannten Fällen gibt es - wie Mersch erläutert - in den Wissenschaften keine saubere Trennung zwischen Anbietern und Selektierern. Wissenschaftliche Gemeinschaften sind für ihn vergleichbar mit Populationen aus lauter Pfauenmännchen, die ihre Schweife fortwährend gegenseitig präsentieren, vergleichen und beurteilen. Dies dürfte auf Dauer nur dann reibungslos funktionieren können, wenn die Wissenschaftler fair handeln und primär am Erkenntnisgewinn interessiert sind, wovon aber in der heutigen Zeit nicht mehr ausgegangen werden kann. Tatsächlich stoßen neue Erkenntnisse vielfach nicht mehr unbedingt auf das Interesse und das Wohlwollen der wissenschaftlichen Gemeinschaft, sondern sie müssen in einem kräftezehrenden Prozess gegen massive Widerstände durchgeboxt werden, die ja insbesondere deshalb bestehen, weil die neuen Erkenntnisse die Reputation und damit die Interessen der anderen, konkurrierenden Wissenschaftler tangieren könnten.
Damit die Wissenschaften auch in einer Welt aus lauter Egoisten handlungs- und innovationsfähig bleiben können, haben sich in ihnen üblicherweise Dominanzhierarchien etabliert. Anderes gesagt: Nicht alle Pfauen sind gleich, sondern einige unter ihnen gleicher. Und die besitzen dann die Macht, über das Schicksal neuer Theorien zu verfügen. Mersch empfiehlt deshalb die Einrichtung neutraler Instanzen, die in Zweifelsfällen konsultiert werden könnten.