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Arno Geigers Roman «Irrlichterloh»
Von Paul Jandl
Auf unreine Haut folgt Abgeklärtheit. Die junge Literatur zelebriert die Adoleszenz als Einübung in die Schwerkraft der Verhältnisse, und die Erinnerung an traurige Kindheiten ist unterlegt vom Rhythmus einer beschleunigten Melancholie: Hip-Hop und neue Medien, das Deutschland der Gewinnzonen und der Verlust der Perspektiven werden von den jüngeren Autoren mit jenem wachen Bewusstsein verarbeitet, das andere Generationen endgültig alt aussehen lässt und die eigene mitunter allzu klug. Der 31jährige Vorarlberger Arno Geiger hat sich nicht beeindrucken lassen von diesem versierten Umgang mit dem Leben, er schreibt auch mit seinem zweiten Buch, «Irrlichterloh», einen Roman, der auf befremdliche Art jünger ist als er selbst. Putzige Pubertäten werden bei Arno Geiger durchlebt, und das Abenteuer Jugend ist ganz so, wie es sich Erziehungsberechtigte wünschen: ein kleines bisschen verrückt, sonst aber harmlos.
Ein Schildermaler namens Jonas hetzt dem Gemälde eines «Rauchenden Mädchens» hinterher, entwendet von seiner Freundin Ann-Kathrin, die mit einem gewissen Caspar und einem Sportcoupé das Weite sucht und dort auf die Witwe eines Eisenbahnmagnaten trifft. Ira Constantin, so heisst die Dame, deren Auftauchen im Roman durch eine diffuse Liebe zur Kunst begründet wird, jagt ihrerseits Bild und Bildbesitzer. Fehlt noch Neomi, das Fräulein von der Post, ein zappeliges Gör, dessen hormonelle Unentschiedenheit programmatisch ist für Arno Geigers «Irrlichterloh». Ist es ein Jugendbuch oder ein ausgewachsener Roman? Teufelskerle mit Bartflaum entwenden museumsreife Beiwagenmaschinen, um mit biederer Tollkühnheit Frauen zu beeindrucken, die sie doch nie wirklich erreichen werden: «Frauen sind nicht wie Rom, wohin alle Wege führen.» Den Männern, so spricht die Lebensweisheit aus «Irrlichterloh», wird es nicht gelingen, in dessen Nähe zu gelangen, was eine Frau im Innersten zusammenhält.
Wie Geigers Roman verschraubt ist, offenbart sich dem Leser allerdings mit jedem Schritt seiner Protagonisten. Fünf Freunde auf grosser Fahrt und ohne Ziel, berauscht von der spürbaren Freude des Autors, Literatur zu machen, die nichts weiter tut, als sich mit selbstbewusstem Gestus Genialität zu attestieren. Geigers auftrumpfende sprachliche Bilder stehen in seltsamem Kontrast zur Armut des Inhalts. Als sei Literatur die Laubsägearbeit der Hochbegabten, hämmert und sägt der Autor an den Sätzen seines Romans, die am Ende so schräg dastehen, dass sie zumindest eines Lektors bedurft hätten: «Trotz alledem weiss Jonas, nachdem der Nervenreiz in seinem Kopf wie Popcorn in der heissen Pfanne gesprungen ist, auf zufälligen Bahnen, dass die Bahnen, würden sie mit Bindfaden nachgezogen, ein dichtes Netz ergeben, in dem all die glücklichen Momente der vergangenen drei Jahre zappeln und zwischen den bereits ausgeglühten Hoffnungsschimmerchen verenden.» Abendstimmung: «Zwar ist die Dämmerung fortgeschritten, im trägen Sonnenstichschritt, aber noch geht der Stich ins Rote, vornehmlich über dem Horizont, wo der Himmel eine Denkerstirn aus Wolkenstrichen zieht, untenher auch violett, wo die Sonne den Wolkenstrichen den Bauch pinselt. Das ist ein typischer Anschein. Gleiches gilt für den Wind. Zwar aufgefrischt, aber kopflos, möchte man meinen, irrt er in den Gassen.» Nach zweihundert Seiten Fahrt von hier nach dort, nachdem ein bisschen gestohlen, geliebt und geprügelt worden ist, Sonne und Strand die Freiheit der Jugend aufs tatkräftigste symbolisiert haben und ein Dutzend Pop-Songs falsch zitiert worden ist, gibt's Showdown in «Irrlichterloh». Das Mädchenporträt dieses gefälschten Romans ist nicht echt, soviel kommt an den Tag. Wäre es nicht gefälscht, wäre das aber auch egal. Von der Prominenz des Verlages, in dem Arno Geiger als Talent gehandelt wird, wird die umfassende und peinliche Beliebigkeit des Romans «Irrlichterloh» nicht wettgemacht.
Doch noch besteht Hoffnung für den Vorarlberger und seine Literatur: «Die toten Punkte des Lebens erweisen sich manchmal als Kanaldeckel, die ein Entkommen ermöglichen.» -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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