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Irres Wetter
 
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Irres Wetter [Gebundene Ausgabe]

Kathrin Röggla

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Kathrin Röggla
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Aus der Amazon.at-Redaktion

Junges Leben in der Großstadt, in der Hauptstadt Berlin, um genauer zu sein: hip, urban, wichtig ist es zu wissen, was gerade angesagt ist. Schnell, hinterher, man könnte ja den neuesten Trend übersehen. Sonst steht man plötzlich am Ende der Love Parade und hört nicht einmal mehr ein bisschen Musik.

Und immer diese Entscheidungen: schick wohnen in Architektenwohnungen oder doch lieber im "Kleinbürger-Slum-Viertel"? Ab wann macht man sich lächerlich -- als erwachsener Mensch, berufsjugendlich in H-&-M-Klamotten gekleidet? Politik -- eher nicht, wer kann schon CDU und SPD so richtig unterscheiden? Heiraten und Kinderkriegen geht O.K., bloß was macht man dann mit dem Nachwuchs, die mühsame Pubertät ist schließlich noch immer nicht abgeschafft!?

Wie schnell sich diese Stadt verändert und mit ihr die Gesellschaft, keiner hält mehr inne, sicherheitshalber, man könnte am Ende mit sich selbst allein sein. Und auch der Sex bietet keinen Trost mehr, ist nicht mehr gut für kleine Fluchten.

Die gebürtige Salzburgerin Kathrin Röggla, Jahrgang 1971, lebt nicht nur in Berlin -- sie beobachtet es auch, seziert es in ihrem Buch Irres Wetter. Ihr Stil ist assoziativ: Gedankensplitter, Gesprächsfetzen, unzusammenhängend und verwirrend im ersten Moment, bei genauerem Lesen erst wird man der stringenten Beobachtungen gewahr. Analytisch, bis man sich selbst ertappt fühlt.

Das Buch ist sicherlich nicht immer leicht zu lesen, wozu die konsequente Kleinschreibung durchaus beiträgt. Auch sollte man mit diversen Szenejargons vertraut sein. Doch ist Irres Wetter jedem zu empfehlen, der am zeitgenössischen Leben und seinen Ausformungen interessiert ist -- vor allem, wenn er/sie ihm etwas skeptisch gegenübersteht. --Christa Petri

Neue Zürcher Zeitung

Jugend in Halbtrauer

Kathrin Röggla packt das neue Berlin bei den Wörtern

«und sie? was macht sie? kostenlos verbringt sie ihre zeit vor germanistik-studentinnen, die ihre berlin-anthologien im kopf haben. unter 35 sagen sie auch schon: aber wirklich! – ja, diesmal auch in echt! – pop schreiben wir drauf, überlegen sie –» Bleiben also noch ein paar Jahre Zeit, Kathrin Röggla auf dem gierig nachfragenden Markt der «literarischen Jugend» feilzubieten. Bleibt also noch Gelegenheit zum Parieren der vorwiegend männlichen Maulhelden diverser «Generationen Berlin» mit der zweifachen Exotik einer weiblichen, zudem einer österreichischen Stimme: Die 1971 in Salzburg geborene und in Berlin lebende Prosaistin hat mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis nicht nur eine hohe Anerkennung für avancierte Artistik erhalten, sondern sich 1997 mit «Abrauschen» auch für Zeitgeistbedürfnisse aller Art qualifiziert.

Rögglas in konsequenter Kleinschreibung notierte Partituren urbaner Sprach- und Szene-Syndrome schienen der Ära der Love Parades auf den hedonistischen Leib geschneidert, und den Trendscouts kamen die sprachlichen Sondierungen «sub»kultureller Befindlichkeiten gerade zupass. In ihrem neuen Buch «Irres Wetter» setzt die Autorin zwar ihr – wie es scheinen mag – munteres Lingo-Sampling fort, doch weisen die 21 Erzählungen, Szenen und Skizzen auf mögliche Weiterentwicklungen hin.

Lingua pro toto: Als Eingewanderte verfügt die Autorin naturgemäss über ein empfindliches Sensorium für das neudeutsche Kolloquiale. Ethnologin und Poetin, packt sie die Berliner Republik bei ihren Wörtern und bastelt daraus, die gesprochene Sprache zitierend, ein hochartifizielles poetisches Instrument. Was wie Mimesis dünkt, ist Bluff, will meinen: ist literarisches Artefakt. Gesampelt aus Floskel und Phrase, Medien und Müll, Pop und Propaganda, setzt sich ein Lexikon hier in Szene, das kleinen Grenzverkehr zwischen Vorgefundenem und Selbstgefügtem vollzieht: Hier «wirft» sie also gängige «affirmationsblasen», lässt dort hinwiederum höchst individuelle «informationsbüschel» spriessen. Bezeichnenderweise wird das Wortfeld dort am weitesten, wo es um die Distinktion der life styles, Mentalkosmen und Teilpopulationen (Stämme) geht: Der Berliner «präsenzklotz» aus «retro-beschleunigern», «designhunden», «investmentjunkies», «post- punk-portionen» samt «lärmfraktion» und «ex-autonomen» – nicht zu vergessen natürlich die «girlie-klumpen»! – ist von sprachlichem Witz und wohl auch soziologisch «alltagsästhetisch voll vorhanden».

Und doch erweist sich, was so frisch und munter klingt, als allenfalls halblustig – oder als halbtraurig, ganz, wie man mag. Denn es bleibt den Protagonisten die erhoffte Erfüllung konsequent versagt. Nie gelangen sie in das erwartete «Zentrum» des Geschehens, die Szene als telos bleibt illusionär. Ob beim Verpassen der Love Parade, ob in der drögen Künstlerkolonie im deutschen «Privatosten», im Kunstkino, in der WG oder in der schon wieder abgekühlten hipness eines Wohnbezirks: Stets erweist sich das Angesagte als gerade eben auch schon wieder abgesagt, gibt es ein Ankommen nicht. Noch die Hoffnung, «aus dem vögeln kommen immer zwei raus und nicht nur einer», erweist sich im Designerloft als Illusion: «man stellt ja schliesslich kein naherholungsgebiet für andere dar». Katrin Röggla hat ihren Arno Schmidt wohl gelesen und seine «Kühe in Halbtrauer» gut studiert. Auch wenn sie sich gottlob nicht zur Imitation von dessen Verschriftung versteigt, dampft diese Prosa von der mit scharfem Auge und spitzem Ohr observierten ewigen deutschen Provinz. Dem Tempo fortgeschrittener Zeitläufte gemäss jagt Röggla die biederen alten Stundenkilometer auf das Beat-per-minute-Mass digitaler Musikerzeugung hoch. Wäre das Stakkato ihrer Prosa auf etwa 120 bpm einzuschätzen, so liegt sie damit allerdings weit unter dem Drehzahlbereich der schweisstreibenden Rede-Exerzitien eines Rainald Goetz. Auch leidet die Salzburgerin nicht unter dem Offenbarungszwang echt zu empfindender Radikalität: Aus wohltemperierter Distanz observiert sie, notiert sie und pipettiert sie Ironie.

Wohl wissend, dass Pop als Prinzip und Performance (als «langue» und als «parole») von begrenzter konjunktureller Haltbarkeit ist, schreibt Röggla ihren jüngeren Erzählungen das Tasten nach neuen Terrains zunehmend ein. Indem sie die Prosabrücken zwischen den Dialogszenen kappt, setzt sie einen neugierigen Fuss in die Türe von Theater und Audiophonie. «Irres Wetter» gibt Ausblick auf mögliche Horizonte. Prospektiv heiter bis wolkig – wenn das Stroboskoplicht ironischer Selbstreferenz einst erlischt. «schluss mit lustig, hat auch sie längst zugegeben.» Ganz im Ernst.

Christiane Zintzen


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