Wer's kurz und bündig mag: Diesen erstmals auf der Berlinale 2007 gezeigten Film sollte man gesehen haben. Er berührt in seiner schlichten Menschlichkeit und bleibt als seelenwärmende Erinnerung im Gedächtnis haften.
Die immer noch von innen schöne Marianne Faithfull (As Tears Go By), 2006 bereits 60 Jahre alt und schwer erkrankt, spielt Maggie. Für sie auch eine Rückkehr in das Treiben Sohos, wo sie einst an der Seite Mick Jaggers der Feger des Jahrhunderts gewesen sein dürfte. Seit 2004 hat sich die einstige "Sister Morphine" im Pariser Quartier Madeleine angesiedelt.
Maggie lebt als Witwe in einer behüteten Kleinstadt in der Nähe Londons - eine einfache und großzügige Frau. Sie gibt alles, um dem todkranken Enkel Olly die besten medizinischen Behandlungen zu finanzieren. Sie gibt ihre Ersparnisse, sammelt in der Nachbarschaft, verschuldet sich und verkauft zuletzt ihr Häuschen.
Die letzte Hoffnung ist eine nur in Australien verfügbare neue Therapie. Doch die Krankenkasse trägt nur die Behandlung, Flüge und die Unterbringung der arbeitslosen Eltern kosten ein kleines Vermögen.
Es gibt keinen Kredit mehr, und die verzweifelte Jobsuche Maggies führt zu nichts - bis sie an einem Rotlichtladen das Schild "Hostess gesucht" findet. Kleine Besorgungen, Tee kochen, servieren etc. - das traut sie sich noch zu. Aber der Nachtklub-Inhaber klärt sie auf: "Hostess" sei ein Euphemismus. Aber auch ein Job, der 600 die Woche brächte - besonders, wenn man so weiche Hände wie Maggie besäße...
Bald lockt an Maggies "Glory Hole" eine Leuchtwerbung für die talentierte Handarbeiterin mit dem Künstlernamen "Irina Palm". Sie erhält sogar einen Kredit über 6000 Pfund vom begeisterten Chef, der die Australienkosten abdeckt. Für die Rückzahlung bürgt sie allerdings in branchenüblicher Weise mit ihrem Leben. Dennoch läuft - von einem P.-Arm mal abgesehen - alles geschmeidig und spritzig. Doch eines Tages spioniert ihr der Sohn nach, der unbedingt wissen will, woher seine Mutter das viele Geld hat...
Es geht um Zuversicht. Das scheinbar Undenkbare zu tun, wenn es sein muss. Dafür zu stehen. Die Menschen hinter ihren Rollen zu entdecken. Nomen est omen: "Faithfull" - voller Vertrauen in sich selbst und in andere. Eine feine Situationskomik und ein zurückhaltender Humor verleihen dem Ganzen dazu noch einen gewissen Pfiff. Quasi nebenher wird auch die gesellschaftlich etablierte Bigotterie auf leichte Art vorgeführt, vom Rotlicht-Bezirk bis zum Weißkittel-Gewerbe. Und immer wieder gibt es Überraschungen, wenn man schon glaubt, alles zu wissen.
Dieser Film lebt von guten Schauspielern. Gerade Maggies Kartenschwestern oder die Schwiegertochter zeigen auch, wie vorzüglich und typsicher bis hin in die kleinsten Nebenrollen besetzt und gespielt wurde.
Dem Regisseur Sam Garbarski ist aber vor allem dank seiner erschütternd lieben und tapferen Hauptdarstellerin mit den schönen Augen, dem wunderbar leisen Gegenspieler Miki Manojlovic und der so emotionalen Kollegin Dorka Gryllus, die man gerade auch als einer der schauspielerischen Lichtblicke in Schicksalsjahre gesehen hat, eine Perle gelungen, die in Berlin mal nicht vor die sprichwörtlichen Säue gerollt ist: 20 Minuten stehender Applaus - was kann besser verdeutlichen, wie dieser Film die Herzen in sanftem Hauch erobert.
Die leicht melancholische Gitarrenmusik und die ruhige, oft intime Kamera in vorzüglicher Bild- und Tonqualität runden den positiven Eindruck ab.
Im Original 103 Minuten, Format 1,66:1 auf 35 mm Film, DD (IMDB)
Gesehen in Deutsch, 95 Minuten, Format 1,85:1 in HD 720p, DD (arte)
jury 5* A0504 18.2.2011e 10 A