Die Schriftstellerin Valerie ist 39 und hat in Sachen Beziehungen so ihre Probleme: nach dem sie ihre Freundin Irina betrogen hat (nicht nett), wird sie verlassen (verständlich), ertrinkt fast in Selbstmitleid und heult sich die Augen aus (hmm...?). Renee, ihre beste Freundin, führt ein ähnlich chaotisches Liebesleben, weshalb sich die beiden regelmäßig gegenseitig aufbauen bzw. seelisch herunter ziehen können. Ein neues Buchprojekt bringt Abwechslung in Valeries Leben: Luise, eine sehr alte Dame, erzählt ihr ihr Leben - das Leben einer lesbischen Frau vor dem 2. Weltkrieg, während des Krieges und danach.
Ich habe mit dem Kauf dieses Buches sehr lange gezögert, da ich Zweifel hatte, ob mich der Alterungsprozess, der Handlungsort Altenheim" und die, wie ich annahm, sicher deprimierenden Erzählungen aus einer Epoche, in der lesbisches Leben noch viel schwieriger und weniger akzeptiert war, nicht einfach nur erdrücken würden. Auch mit Hauptperson Valerie hatte ich so meine Zweifel: würde ich mit ihr warm werden?
Letztendlich haben mich die vielen positiven Rezensionen doch dazu bewegt, es mit diesem Buch zu wagen". Zum Glück, denn sonst wäre mir eines der besten Bücher überhaupt entgangen!
Veneda Mühlenbrick ist es gelungen, ihre Leserschaft auf eine hochgradig spannende, sehr interessante und absolut bewegende Reise in die Vergangenheit und die deutsche Geschichte mitzunehmen, und das auf einem sprachlich hohem Niveau. Alle Geschehnisse in Luises Leben sind glaubhaft dargestellt und emotional nachvollziehbar. Diese Rückblenden in ihr Leben war für mich am spannendsten; ich habe teilweise schon immer seitenweise voraus geblättert, um zu wissen, wie es bei ihr weiter ging. Positiv: Luise ist keine verbitterte, alte Frau, sondern wird auch mit 96 Jahren als geistig fit und fortschrittlich denkend dargestellt; gängige Klischees über alte Leute werden also nicht bedient.
Problematischer war mein Verhältnis zur Hauptperson Valerie. Wie schon in Absatz 1 angedeutet, so ganz verstehen konnte ich ihre Lebensprobleme nicht. Sie wirkt wie eine ziemlich problembeladene, kopflastige Frau, die nicht wirklich weiß, was sie will, und regelmäßig überrascht ist von den Konsequenzen, die ihre Handlungen und Aussagen nach sich ziehen: sie betrügt ihre Freundin und wir daraufhin von ihr verlassen? Verständlich, aus meiner Sicht, für Valerie jedoch etwas, was leidvolles Erstaunen, ja, fast Gekränktheit, nach sich zieht. Sie macht ihrer neuen Freundin Ildigo ein Liebesgeständnis, zieht es unmittelbar danach zurück und findet sich plötzlich alleine in ihrer Wohnung wieder? - Hmm, ich kann verstehen, dass diese zutiefst getroffen abrauscht... Abgesehen davon: auch die neue Freundin hat einige Probleme mit sich und dem Leben, die in engem Zusammenhang mit ihrer Vergangenheit stehen.
Die detaillierte Ausführung zeigt, wie sehr mich dieses Buch angesprochen hat und selbst mehrere Tage nach dem Lesen der letzten Seite noch beschäftigt und berührt. Denn es lässt sich eines mit Sicherheit sagen: auf dieser Welt gibt es genügend Valeries, Renees und Ildigos. Insofern ist der Autorin nicht nur eine hervorragende historische Rückblende gelungen, sondern auch ein realistisches Abbild der Probleme unserer Zeit und der lesbischen Szene.