Auf dem Hof nahe der deutsch-deutschen Grenze scheint die Zeit stehen geblieben. Dabei überschlagen sich die Ereignisse. Es ist Sommer. Der Sommer des Jahres 1990. Beide Seiten des frisch vereinten Deutschlands beschnuppern sich. Die Welt hat sich verändert.
Auch die Welt der sensiblen Maria. Seit einigen Monaten wohnt die 16-Jährige nun schon bei der Familie ihres Freundes Johannes auf dem Brendel-Hof. Die drei Generationen nahmen das Mädchen auf, nachdem Marias alleinerziehende Mutter ihre Arbeit verlor und sie - irgendwie - einen sicheren Hafen suchte. Besonders der Familienvorstand Siegfried gibt Maria als Vaterfigur eine Sicherheit, die sie lange vermisste.
Die Halbwüchsige meidet die Schule. Sie flüchtet sich in die Welt der Literatur, wann immer es die Aufmerksamkeit ihrer Ziehfamilie zulässt. "Die Brüder Karamasow" begleiten sie durch diesen Sommer wie vertraute Weggefährten.
Die Liebe zu Büchern stößt im Dorf auf Unverständnis. Nur der Henner, der Besitzer des Nachbarhofs, soll eine ähnliche Vorliebe für das geschriebene Wort hegen. Das Dorf beäugt den charismatischen Vierzigjährigen misstrauisch. Seine Frau verließ ihn, er trinkt zuviel, er liest. All das passt nicht in die ländliche Idylle.
Doch es passt zu Maria. Und so entwickeltet sich - vom Schicksal getrieben - eine übermächtige Liebe. Leidenschaftlich, rastlos, tabu.
Meine Kritik
Langsam, sehr langsam entfaltet sich der Charme der Geschichte. Erst nach ellenlangen, trockenen Beschreibungen des Hofes und der Charaktere bekommt der Leser die Chance Maria und Marias Welt zu verstehen. Wenn er sich darauf einlässt.
Die Protagonistin erzählt uns das Geschehen dieses turbulenten und doch so trägen Sommers. Durch ihre Augen erfahren wir ihre Vergangenheit und auch die ihrer Familie, die der Brendels, die des Henners. Sie berichtet vom geflohenen Westsohn, den Frieda, die Brendel-Großmutter, nun wieder mit offenen Armen aufnimmt. Von lang vergangenen Affären, vom Dorfklatsch und Gerüchten. Sie lässt uns an ihren ersten Ausflügen in den Westen teilhaben und daran, wie sie die Veränderungen wahrnimmt. Und an ihren Gefühlen, ihrer unbändigen Sehnsucht, ihrer Leidenschaft.
Diese sensible ostdeutsche Lolita mit ihrem altersuntypischen Hang zu Dostojewskis Werken, die so weise ist und dann doch nur ein ganz normaler Teenager in einer schwer zu verstehenden Zeit, sie hat es mir angetan. Ich konnte mich so gut, so gut, in sie hineinversetzen. Genauso in den Henner. Diesen groben, einfühlsamen, impulsiven, verletzlichen Mann. Der so dumm ist - und so klug.
"Irgendwann werden wir uns alles erzählen" handelt nicht von der Wende, sie ist nur Kulisse einer großen Liebesgeschichte und einer Geschichte über das Erwachsenwerden - von Jungen wie Alten. Daniela Krien hat mit einfachen Worten und nüchternen Sätzen ein wertvolles, sinnliches, intelligentes Drama geschrieben, das Anna Thalbach großartig vorliest. Vorsichtig und behutsam schlüpft sie in Marias Haut. Sie liest unaufgeregt und natürlich und sehr glaubhaft.
Wenn ich der Geschichte etwas vorwerfen müsste, dann, dass ich es gerne gesehen hätte, wenn Krien mindestens einen Nebencharakter noch näher beleuchtet hätte. Was hat es mit Alfred wirklich auf sich? Der trunksüchtige Knecht, der vor langer, langer Zeit eine Affäre mit der Frieda hatte. Der vermutete Vater ihres ältesten Sohnes. Ist er so, wie Maria ihn einschätzt? Mein Gefühl sagte mir: 'Nein, so ist er nicht.' Leider bleibt es offen. Was aber auch in Ordnung ist. Im Leben bleibt eben einiges im Unklaren.
"Irgendwann werden wir uns alles erzählen" ist ein intensives, wertvolles, sinnliches Abenteuer für Menschen, die sich auf den einfachen, anfangs langatmigen Erzählstil einlassen. Dann hallt es nach und begleitet den Leser/Hörer noch ein Stückchen seines Weges, während er über das Erlebte nachsinnt.