Man kennt die Biographie von Roland M. Schernikau aus Mattias Frings Buch "Der letzte Kommunist". Schernikaus Debütroman Kleinstadtnovelle" machte den in Westberlin lebenden Kommunisten zu einer Lichtgestalt der Literatur. Er wollte Bürger der DDR werden. Als er sich endlich seinen Traum erfüllt fällt die Mauer. Seine Traumheimat gab es nicht mehr als er 1991 an AIDS starbnicht mehr.
Irene Binz, literarisches Alter Ego von Ellen Schernikau, verschenkte im Herbst 1981 in Hamburg die Geschichte ihres Lebens an ihren damals 21- jährigen Sohn. Es ist in gewissem Sinne die Vorstufe einer Autobiografie des 1991 verstorbenen schwulen kommunistischen Schriftstellers, denn es war ja irgendwie auch seine Geschichte. Wenn das Buch auch in einem "charmanten, suggestiven Märchenton" geschrieben ist, so ist es eigentlich ein hoch politischer Text, der über die Verhältnisse aufklären will. Was auf mehreren hundert Seiten sorgfältig aufgeschrieben wurde wollte der Sohn nach dem Interview als Prosafassung publizieren. Die erschien nie. Thomas Keck hat das Buch "Irene Binz Befragung" aus dem Nachlass editiert. Es besteht aus vielen kleinen Erinnerungsfetzen, Alltagsszenen, politischen Überzeugungen und erotischen Offenbarungen. Es ist das zutiefst berührende Porträt einer außerordentlich starken Frau, die auch im Westen ihren Überzeugungen treu geblieben ist und dafür sorgen wollte dass ihr Sohn seine DDR Heimat nicht vergisst.
Die Mutter war Lehrschwester in Magdeburg, war SED Mitglied, fühlte sich als überzeugte Kommunistin und sah in dem Arbeiter -und Bauernstaat das gelobte Land. Beim Tanzen lernt sie den Briefmarkenhändler Thomas kennen. Sie verliebt sich in den anderweitig gebundenen Mann, wird schwanger. Doch dann geht ihre große Liebe über die damals noch nicht ganz geschlossene Grenze in den Westen. Beider Sohn Roland kommt im Juli 1960 zur Welt. Die Mauer wird gebaut und trennt endgültig Mutter, Sohn und Vater. Am 13 August 1961 war der Sohn ein Jahr alt, da ist ihr zunächst eine Entscheidung abgenommen worden. Bis dahin hatte sie immer überlegt, mach ich es oder mach ich es nicht. In dem Buch kann man nachlesen wie schwer sie sich getan hat.
Es war auf der einen Seite ihre Sehnsucht nach Thomas, auf der anderen Seite der Wunsch, dass der Sohn in einer intakten Familie aufwachsen sollte, der sie zur Republikflucht trieb. Im Kofferraum eines Diplomatenautos gelang ihr mit ihrem sechsjährigen Sohn die Flucht in den Westen.
Doch bei der Ankunft im Westen ist die Ernüchterung groß. Der Kindsvater hat längst eine neue Familie. Das hält die Mutter aber nicht davon ab sich mit ihm zu treffen und zu schlafen. Sie würde gern in die DDR zurückkehren, doch dort droht der DDR Verräterin das Gefängnis. So bleibt sie im Westen, engagiert sich in der DKP, erzieht ihren Sohn im Geist der DDR, versucht die alten Ideale zu bewahren. Ihr Sehnsuchtsland bleibt die DDR, doch die ist längst aus den Fugen geraten als Mutter und Sohn kurz vor dem Mauerfall spektakulär in die DDR zurück kehren. Schernikau wurde am 1. September 1989 Staatsbürger der DDR.
Ursprünglich sollte das Buch in der DDR als Diskussionsgrundlage veröffentlicht werden. Roland hat in den vielen Stunden der Befragung am meisten interessiert, dass das was man erlebt auf verschiedene Art verarbeitet werden kann. Bei all den Fehlern die die Mutter gemacht hat, ihre grenzenlose Naivität gegenüber Männern und Politik war schwer erträglich, hat er doch letztlich die Stärke beschreiben wollen, die eine Frau aufbringt wenn sie eben weiter leben will und muss. Sie ist nicht aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen gegangen und sie hat eine Zeit gebraucht, um sich im Westen, im eigentlich falschen Leben wohl zu fühlen. Hätte sie keinen Sohn gehabt wäre sie nie in den Westen gegangen. Da dieser den Text nicht verstümmeln wollte erfahren wir auch, dass die Mutter eine glühende Kommunistin war und geblieben ist und nur aus Liebe zum Klassenfeind gegangen ist. Die Zeit machte aus Irene Binz eine Bundesbürgerin, deren stetes Anliegen es bleibt das sich hier in diesem Land etwas ändert.
Ein einzigartiges Buch das bei aller Romantisierung der Mutter im Fokus den Blick auf den verklemmten Umgang der beiden deutschen Staaten miteinander freigibt. Ein Buch das ausgesprochen atmosphärisch arbeitet.