Barthold Heinrich Brockes war der Spross einer reichen Kaufmannsfamilie und versuchte Zeit seines Lebens, diesen Status zu bewahren, was ihm auch gelang. Im Zeitalter der Kleinfürstentümer ging dies natürlich nicht ohne Anpassung, und so schrieb Brockes neben der Naturlyrik und einem christlichen Oratorium, das ihn bekannt machte, auch eine ganze Reihe die Fürsten verherrlichende Werke sowie Widmungen und Gelegenheitsgedichte, welche seine Erhebung in den Adelsstand zum Ziel hatten. In seinen jungen Jahren religiös tolerant, gegen kirchlichen Fanatismus und Aberglauben eingestellt, war er sogar mit Johann Christian Günther befreundet, einem der größten deutschen Dichtertalente dieser Zeit. Später wurde er Ratsherr, betätigte sich als Übersetzer und zeugte nebenher 12 Kinder.
Zur Dichtung von Brockes selber ' er gilt als der erste deutsche Naturlyriker - ist heute nicht mehr viel zu sagen. Das folgende Zitat aus seinem neunbändigen Hauptwerk 'Irdisches Vergnügen in Gott' zeigt, wo es dabei lang geht: 'Auf! lasset, dem gütigen Schöpfer zu Ehren,/ Der itzt Natur und Welt verjüngt,/ Der Sonn' und Frühling wiederbringt,/ Die Lieder bewundernder Danckbarckeit hören!'
Häufig dienen Psalmen als Vorgaben für quälend lange Elogen auf die Natur und den Schöpfer, von Originalität, künstlerischem Gestaltungswillen oder gar, wie ihn ein Rezensent bemerkt haben will, Humor, ist hier wenig zu spüren. Es handelt sich um die Art von Naturlyrik, die allzu oft zur Natur-Naivität gerinnt, und die man heute als Lesergedicht im 'Goldenen Blatt' veröffentlichen könnte.
Da wird gepriesen die Schönheit der Felder, die Nachtigall, die Luft, Blumenbeete, die Rose, alle Arten von Blumen, der Frosch, sogar die Kaiserkrone, alles mit dem Refrain, dass die Menschheit dem Schöpfer für das alles viel zu wenig Dankbarkeit erweise. Mag ja sein, aber selbst dem Schöpfer dürfte die ständige Wiederholung gewaltig auf die Nerven gegangen sein.
Gelegentliche Schwierigkeiten mit dem Reimschema sind auch bei Brockes unverkennbar. Das hat er mit vielen berühmteren Kollegen gemein. Die größte Lächerlichkeiten aber leistet sich der Autor, wenn er in die Gedichte auch noch seine Freunde und Gesprächspartner namentlich mit einbaut, die gerade gemeinsam mit ihm die Natur bewundern. Man könnte das witzig finden, in den Gedichten selber legt es aber nur das fehlende Talent des Autors bloß.
Ich will nicht alles an dem Band schlechtreden. Es gibt einige Gedichte, die in ihrer Naivität sogar anrührend sind. Man merkt allerdings auch dabei noch, dass Brockes offenbar ein sehr gutes und bequemes Leben hatte. Manche Beschreibungen der Naturidylle klingen fast zynisch, wie die jauchzende Beschreibung der schweren bäuerlichen Erntearbeit. Interessant dagegen die naturalistische Beschreibung einer Zahnoperation.
Dass Brockes auch anders kann, zeigt er in seinen Lehrgedichten. So findet sich darunter ein längeres Werk, in dem er glänzend den Heldenmythos entzaubert und die meisten Helden als Schlächter outet. Und richtig erschrecken tut man fast, wenn Brockes unerwartet über die unverantwortliche Unempfindlichkeit des Menschen angesichts der Not seiner Mitmenschen herzieht. Angesichts des Aufzählens der Plagen zeigt der Dichter hier wahre Größe, und das ganze endet auch hier wieder in der Aufforderung, seinen Schöpfer dafür zu loben, dass es einem relativ gut geht.
Kurz und gut: Brockes mag ein guter Beamter und Übersetzer gewesen sein, sein dichterisches Gewicht reicht aber allenfalls für die Nebentribüne. Viele der Fragen, die seine Gedichte aufwerfen, sind der noch mangelnden wissenschaftlichen Bildung seiner Zeit geschuldet, was seinen Gedichten eine gewisse Zeitgebundenheit verleiht.