Der Titel ist elliptisch und lässt den Vergleichspunkt offen, der mit "anders" eigentlich erforderlich wäre: "Iran ist anders als ...". Diese Titelwahl ist problemlos möglich, da bei uns ein sehr bestimmtes Bild vom Iran vorherrscht. Um so mehr fand ich den Anspruch, dieses Bild nicht für den Iran selbst zu nehmen, sondern letztlich als Kulisse sehr ansprechend ("Hinter den Kulissen des Gottesstaates"). Ich war beim Lesen kurz vor einer Reise in den Iran, hatte insofern die Vermutung einer Andersartigkeit, doch diese Vermutung war mehr geprägt von eigener Hoffnung und Hinweisen eines Bekannten, nicht aber von wirklichem Inhalt. Auch das Vorwort nährte meine Erwartung, hier mehr über das Land hinter dem vertrauten, aber vor allem beängstigenden Bild zu finden. Diese Erwartung erfüllt das Buch jedoch nicht.
Von Wert in diesem Buch sind die historischen Erläuterungen, beginnend mit dem 19. Jahrhundert. Iran war nicht kolonialisiert, hatte aber auf andere Art und Weise mit dem Hineinwirken fremder Länder zu kämpfen. Dies ist wichtiges Hintergrundwissen, das mir gut aufbereitet zu sein schien. Nichtsdestotrotz ist der dargestellte Zeitraum viel zu kurz. Die Identifikation mit einer 3500 jährigen Geschichte ist im Iran trotz Neugründung als Islamischer Republik sehr lebendig und ist als Hintergrund nicht weniger wichtig als die jüngere Vergangenheit. Wie lässt sich verstehen, dass Demonstranten 2009 der Regierung das Anrecht auf ihren (!) Islam absprachen, dass ein gläubiger muslimischer Iraner mit Stolz das Symbol der ursprünglichen, persischen Zarathustra-Religion an seiner Halskette trägt? Ist der Wunsch vieler Iraner nach Öffnung zum Westen der Wunsch nach einer Gesellschaft nach westlichem Modell? Ich würde letzteres verneinen. Diese Eigenarten gehören meines Erachtens zur Andersartigkeit des Iran, die jedoch im Buch völlig unbehandelt bleiben. Stattdessen finden sich im Kontext des restlichen Buches völlig beliebige Kapitel über Dichtung und Essen im Iran. Dass beides zum Iran dazugehört, überrascht nur den, dem die 1935 vollzogene Umbenennung Persiens in Iran noch nicht bekannt war. Persische Dichtung, persisches Essen gehört zum allgemeinen Erwartungshorizont, ist nahezu Klischee, nicht aber Andersartigkeit.
Einige Behauptungen des Buches erscheinen mir schließlich falsch. So wird behauptet, dass Außenwelt und Innenraum traditionell strikt getrennt werden, dass das gesellschaftliche Leben fast ausschließlich im Innenraum stattfinde. Selbst an so traditionellen Orten wie Qom, dem religiösen Zentrum des Iran und mit Sicherheit keinem progressivem Ort, finden sich am Rand der Stadt Freizeitparks mit Karussells und anderen Attraktionen für Kinder. Dort wie überall in iranischen Städten picknicken die Menschen auf den Wegen und Grünflächen, sobald sich ein schattiger Platz unter Bäumen findet (und sei es auf dem Mittelstreifen einer mehrspurigen Straße). In Wüstenstädten in sengender Hitze flaniert es sich nun einmal nicht sehr angenehm, doch ist dann der Rückzug in gekühlte Räumlichkeiten nicht gleich Ausdruck einer Einstellung zu öffentlichem Leben. Wir trennen bei uns nicht weniger Außenwelt und Innenraum. Aber wer von uns geht zum Mittagessen mit seinen Töpfen in den Park?
Der Titel wurde von den Autoren oder auch vom Verlag geschickt gewählt. Hinter der Kulisse der Buchdeckel enttäuscht das Buch leider und nimmt eventuell einer alternativen Veröffentlichung den Vermarktungsraum, obwohl Kenntnisse der Andersartigkeit (wie auch Ähnlichkeit) für den Abbau der gegenseitigen Drohkulissen zwischen Iran und "westlicher Welt" dringend geboten sind.